29. Dezember 2014

Perotin zu Weihnachten 2014

Der Conductus "Beata viscera" gehört zu den ältesten überlieferten musikalischen Kompositionen der Menschheit, datiert etwa um das Ende des 12. Jahrhunderts. Die einzige Monodie Perotins bezaubert durch die frei schwebende Melodie, die der syllabischen Poesie von Philipp dem Kanzler (Notre-Dame von Paris) folgt. Erstaunlich ist die klar erkennbare motivische Struktur (AAB CDC² einer frühen Strophenform mit einem starken Kontrast zwischen dem Anfang der Strophe durch einen Quintensprung und mit Vokalisen der niederfallenden Tonleiter zu Beginn des Refrains), der ewig frische Klang des dorischen Modus, der unwahrscheinlich große Ambitus (eine Undezime), der offensichtlich den Sologesang meint. Perotin war der erste wirklich große Komponist des Abendlandes.
Im Internet gibt es einige frei zugängliche Entzifferungen der frühen mensuralen Notation. Die beste Ausgabe Perotins Werke wurde von Ethel Thurston 1980 angefertigt, sie ist heute kaum zugänglich. Eines von zwei Bibliothekexemplaren in Deutschland ist in der Universitätsbibliothek Oldenburg zu bewundern.
Auch im Internet kann man eine einzige schöne Soloaufnahme mit Dominique Vellard (1986) genießen, die auf verschiedenen CDs zugänglich ist.
Mir war es ein Anliegen, dieses Lied in einem katholischen Gottesdienst erklingen zu lassen, im Kontext der ursprünglichen Funktion und Erschaffung. Der Chor der Bremer Gemeinde St.Josef/St. Nikolaus in Gröpelingen/Oslebshausen hat die erste Strophe (von insgesamt sieben) einstudiert und in der Heiligen Nacht 2014 während der Kommunion gesungen. Der Pastor Martin Luttmann hat es gestattet und eine interne Aufnahme zur Verfügung gestellt.
Es ist der heutige Klang der katholischen Kirchenchöre, eine andere Zeit. Wir wissen nicht, wie das vor ca. 900 Jahren war. Berauschend zu wissen, dass es möglich ist, diese Musik auf sich wirken zu lassen.

Der Chor St.Josef/St.Nikolaus singt unter der Leitung von Grigori Pantijelew

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