7. März 2008

Aus der Medienküche

Einseitig, dämonisierend, unausgeglichen... Worüber schreibt man so? Nichts Neues? Kann man nicht mehr davon hören und lesen? Sollen sie schreiben, was sie wollen?
Geht das vielleicht auch anders: sie schreiben und wir antworten? Zum Beispiel so ("Judische Zeitung", März 2008):

Das abenteuerliche Leben der Mörder
Drei Blicke auf den Nahostkonflikt

Der Blick auf die Ereignisse im Nahen Osten war zu keinem Zeitpunkt unparteiisch. Man hat dieselben Fakten gerne unterschiedlich ausgelegt. Die Medien sind darüber hinaus imstande, Fakten zu verschweigen oder selektiv darzustellen. So gut wie jeden Tag werden wir mit einseitigen und vorurteilsbehafteten Meldungen konfrontiert. Eine der Folgen ist, dass die Zahl der sogenannten Freunde Israels rapide steigt. Das sind allerdings oft solche Freunde, die dem Freund wohl all das sagen „dürfen“ wollen, was seine Feinde seit je wiederholen.

Ulrike Putz berichtet im "Spiegel" aus Gaza (fünfmal schreibt sie allein im Januar 2008 zum Nahostkonflikt): „Am Mittwochmorgen um drei Uhr früh sprengten Bewaffnete den acht Meter hohen Grenzzaun, der Gazas Südgrenze nach Ägypten absperrte. […]In der vergangenen Woche verschärfte sich die Lage in dem abgeriegelten Landstrich, als Israel auf intensivierte Raketen-Angriffe mit einer vollständigen Blockade reagierte.“ An anderer Stelle: "Zehntausende Menschen ziehen los, um noch das Nötigste aus dem Nachbarland zu holen.“

Hier wie dort wird suggeriert: Menschen brechen spontan in die Freiheit aus, aus der Not, die durch Israels Blockade ausgelöst wurde. Welche Freiheit? Die Antwort lautet: „Wer als Deutscher das Spektakel im Wüstensand betrachtet, kommt nicht umhin, sich an den Mauerfall vom 9. November erinnert zu fühlen.“ Ist die Rollenverteilung klar? Erst viel weiter wird zugestanden: „Der Durchbruch nach Ägypten ist von langer Hand vorbereitet worden, und in Gaza geht das nicht ohne die Hamas.“ Die „New York Times“ hat die Hamas-Planung längst mit Fakten belegt. Der „Spiegel“ zweifelt immer noch.

Die von Putz befragten Gaza-Bewohner schildern ihr Leiden höchst persönlich. Als Höhepunkt dieser Wolfsschluchtszene bringt Putz das Licht ins romantische Leben ihrer Gastgeber: „Tag für Tag landen ihre archaischen Bomben in israelischen Dörfern, Feldern, Kibbuzen. Israel antwortet, indem sie [sic!] die Mitglieder der Kassam-Kommandos per Luftschlag tötet.“ Einerseits „archaische“ Raketen, die verharmlost werden, - sie „landen“ ja nur, andererseits Israel, das „tötet“. Sie zitiert Bombenbauer: "Die Blockade der Israelis trifft uns nicht, die soll nur die Bevölkerung ins Elend stürzen." Dieses Bekenntnis wird von der Journalistin weder kommentiert noch in Frage gestellt, genauso wenig wie das andere Zitat: "Und guck dir die Israelis an, die haben F-16 und Apache-Helikopter und könnten wunderbar genau schießen. Und trotzdem töten sie unsere Frauen und Kinder." (Zur frappierenden Ungenauigkeit dieser Behauptung kommen wir noch.) Dafür beschreibt Putz viel ausführlicher die Raketen-Hexenküche, in der Sprache der Grimm-Märchen („Es riecht nach Silvester-Feuerwerk“).

Wenn sie sich aus Jerusalem meldet, erscheinen dagegen keine einzelnen Menschen: Die Rede ist vom Versagen der israelischen Regierung und des Militärs. Israels Sicht auf die Ereignisse transportieren anonyme Agenturmeldungen, wie vernebelt, aus weiter Entfernung. Meinungen werden ausschließlich aus der Zeitung „Haaretz“ angenommen, bevorzugt aus Sicht des sogenannten Friedensblocks. Sie alle sind von dem Bericht der Winograd-Kommission „enttäuscht“, denn darin kommt Olmert „ungeschoren davon“. „Das Wort der Vernunft“ hört die Autorin von Tom Segev, der diesmal als „altgedienter Kommentator“ eingeführt wird. Sie schlussfolgert: „Während des einmonatigen Kriegs wurden auf libanesischer Seite mehr als 1200 Menschen getötet, auf israelischer Seite starben rund 160 Zivilisten und Soldaten.“ Also Menschen auf der einen Seite, auf der anderen Seite dagegen Zivilisten und Soldaten. Soweit zur Sprache von Ulrike Putz.
Subtiler geht Bruno Schirra vor. Kein Wunder, sein Artikel erschien in der „Jüdischen Allgemeinen Zeitung“. Doch auch er berichtet aus Gaza, auch er gibt den Konflikt aus Sicht der Terroristen wieder. „Ein Frontbericht“ soll ja erschaudern. Ausgiebig zitiert er Hassbotschaften, malerisch zeichnet er „verzückte“ Zuhörer: „Ihre Augen leuchten glückselig“. Direkt benennt Schirra die aktuelle Lage der Palästinenser: „Krieg aller gegen alle, Islamisten gegen Islamisten“. Es fehlt auch nicht die Al-Qaida, die mit einem globalen Krieg droht. Israel wird im Artikel zweimal erwähnt. Einmal als unfähiger Informant, der „nie überzeugend beweisen konnte“, was Schirra mit eigenen Augen sehen kann. Oder auch als Angreifer aus der Luft, der einen seiner bombenden Gesprächspartner ins Jenseits befördert. Israelis erscheinen auch bei ihm nicht, sie sind im Nebel des Krieges, irgendwo.
Beide Journalisten bedienen ein bestimmtes Publikum. Putz beschäftigt sich mit der Umkehr der Täter zu Opfern: Terroristen werden idealisiert, friedliche Palästinenser von ihrer Verantwortung befreit - alle Themen dienen dazu, Mauer mit Mauer zu vergleichen und Möllemanns Mühle weiter zu drehen. Möchte sie „israelkritisch“ sein? Nimmt die Redaktion antisemitische Zuschriften im eigenen Online-Forum wahr? Schirra erzählt über das Widerliche der Gewalt, als wüsste das noch keiner. Der Journalist und die Zeitung sind sich aber offensichtlich einig, dass ihre Leserschaft diese Belehrung braucht. Ist das ein jüdisches Thema, über die Mörder von Juden ausführlich zu schreiben? Sich Angst machen? Werden Grauengeschichten bei Juden untergebracht, weil sie das angeblich lesen möchten? Ein Paradoxon: Die einen sehen nur die eine Seite der Medaille, weil sie von der Rückseite nichts wissen wollen. Die anderen müssen nur die andere Seite lesen, weil die erziehungswütigen Medien das von ihnen so erwarten. Die Leser, die Putz vor Augen hat, sind voreingenommen, weil sie bereit sind, Israel an allem Unrecht zu beschuldigen, welches Palästinensern widerfährt. Schirra hält seine Leser für unwissend, sie lassen sich aber gerne über die bösen Hassprediger aufklären. Israelis werden in beiden Fällen ausgeklammert.

Geht es anders? Alan Dershowitz hat (auf der Internetseite „Huffington Post“) das schwierigste Thema angesprochen – die punktuelle Tötung der Terroristen, die von Israel praktiziert und von den verschiedensten Seiten angeprangert wird. Es ist die Zahl der zivilen Opfer, die als kollateraler Schaden angemeldet wurde und für die Öffentlichkeit – die israelische wie die mediale weltweit – inakzeptabel war. Sie befand sich in den Jahren 2002-2003 im Verhältnis 1:1, das heißt infolge der israelischen Angriffe starben genauso viele Zivilisten wie „Militanten“. Zum Teil ist das auch eine taktische Überlegung der Terroristen - mittendrin im zivilen Leben zu agieren und sich mit menschlichen Schildern zu umgeben sowie mit allen medialen Mitteln den Gegner in die Enge zu treiben samt den inszenierten oder fälschlich zugewiesenen Tötungen (die berühmtesten davon sind Al Dura und Ghalija). Insofern war es eine kriegstechnische Herausforderung ohne gleichen. Dershowitz bringt statistische Daten und zeigt, dass sich das Verhältnis und somit auch das Blatt nun gewendet hat: Bei einem Proporz 1:30 im Jahr 2007 verloren 30 Gewalttäter, aber nur ein Zivilist ihr Leben.

Immer noch grausam? Gibt es hier überhaupt einen Grund sich zu freuen? Das sind alles berechtigte moralische Fragen, nur werden sie angesichts der bedeutenden Verbesserung der technischen und taktischen Kriegsführung auffallend ignoriert – von den Medien und somit auch von der Öffentlichkeit. Über das abenteuerliche Leben der Mörder zu schwärmen oder sich zu empören ist leichter – eben moralisch leichter. So erzählt man weiterhin aus Sicht von Terroristen, die ohne Bedenken zu Freiheitskämpfern stilisiert werden. Die andere Perspektive bleibt vergessen und im Dunkeln: Entpersonalisierte Israelis degradieren zur anonymen Masse. Leichter Hand und kommentarlos werden falsche Behauptungen übernommen, die positiven Fakten auf israelischer Seite allerdings im selben Atemzug ignoriert, sei es die einmalige Fähigkeit zur Selbstkritik oder die einmalige Leistung in der Minderung der zivilen Opfer beim Krieg gegen Terror.

24. Februar 2008

Merkwürdigkeiten des christlich-jüdischen Dialogs

Durch die Arbeit am Artikel über das Buch von George Steiner bin ich auf das Thema "Kafka und der Talmud" gekommen. Das wird wohl ein Seminar werden. Bei den Recherchen dazu sind mir einige merkwürdigen Bücher aufgefallen, die den folgenden Aufsatz geradezu herausgeforderten. Glücklicherweise war auch die "Jüdische Zeitung" dieser Meinung (Februar 2008).

Emergency: Die Emergenz wird emeritiert!
"Das Glasperlenspiel" geniert sich seiner christlichen Prägung nicht: Es opfert sich so schön selbstmitleidig. Hermann Hesse versteckt sich und seine Zeit darin nicht. In der Tat: Der Roman steht unter dem Zeichen des Weltuntergangs. "His dark materials" spielen mit demselben Selbstaufopferungsmotiv, zeigen den Gotteskampf, den Überdruss an der Kirche in Geschichte und Gegenwart. Philip Pullman denkt darin aus der christlichen Kultur heraus, operiert mit deren Motiven. Und doch ist sein in Anspielungen aktueller Roman voll der Hoffnung. So weit die Belletristik.

Die christliche Kultur braucht aber nicht nur Romane, sie kann ohne ihre Theologie auch nicht auskommen, darin befragt sie ihre Werte und spiegelt sich, auch wenn es nur am Rande geschieht. Theologen sind viel mehr als Romanautoren mit der Kirche und den Universitäten verbunden, sie existieren genau dazwischen. Nur in der Verflechtung des organisierten Denkens können sie bestehen - die jahrhundertealte schwerwiegende Tradition ist da, sie zwingt, zurückzudenken. Wie steht es aber mit dem Bezug zur Aktualität? Beeinflusst sie das theologische Denken? Wie hält man’s mit dem heutigen, gepriesenen Dialog zwischen Christentum und Judentum? Nach der Shoa und dem Versagen der christlichen Kirchen und Gesellschaften wird dieser doch so unermüdlich auf allen Ebenen, in unzähligen Vereinen betrieben.

Ein Schlüsselwort scheint heute in diesem engen Sinne die "biblische Theologie" zu sein. Während der tausendjährigen seltsamen Koexistenz hat die Kirche seit je versucht, die Schrift dem Urheber zu entziehen. Durch die griechische ("Septuaginta") und später lateinische Übersetzung ("Vulgata") war die Grundlage dafür erschaffen - nicht nur für das Christentum, sondern auch für die Herabsetzung des Judentums. Ist es in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorbei damit? Nein. Die römisch-katholische Liturgie betet seit diesem Jahr am Karfreitag wieder "pro perfidis Judaeis". Die Empörung innerhalb der Kirche hält sich in Grenzen: Die meisten merken davon gar nichts.

Im Zuge der Aufklärung und der Toleranzedikte entstand für Juden der Zugang zur christlichen Umgebung, unter anderem auch zur Universität. Auf theologischem Gebiet will man den Dialog fördern, heute mehr denn je. So wird zum Beispiel seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts in Jesus ein observanter Jude entdeckt und im Christentum alle möglichen Züge der jüdischen Tradition: Die Nächstenliebe haben wir doch gemeinsam. So wird auch den Juden nahe gelegt, dass die Beschäftigung mit dem Talmud in mindestens einigen ihrer Abzweigungen auch eine Theologie sei, da sie sich als eine textorientierte autoritätsbezogene Kommentartätigkeit beschreiben ließe. Weil jüdische Gelehrte und Rabbiner darauf nicht unbedingt von alleine kommen, braucht man dafür erst ein evangelisches Seminar, in dem dies erörtert wird. Am besten überlässt man das Referat zum Thema einem israelischen Gast: So geschah es 2001 in Münster. Shimon Gesundheit kam aus Jerusalem und berichtete exzellent über das, was er als jüdische Theologie der Hebräischen Bibel bezeichnete. Seine bewundernswerte Eloquenz sah so aus: Nach mehreren faktischen Beweisen, dass es eine solche genuin nicht gibt und par excellance nicht geben kann, schwenkte er um und behauptete, dass es sie doch wohl gibt. Er begann mit dem ausgiebigen Zitat aus dem Buch von Leo Adler "Der Mensch in der Sicht der Bibel" (1965), seinerzeit Rabbiner in Basel, der von der Frage ausging, „ob es der Mensch ist oder Gott, welcher den zentralen Gegenstand der biblischen Erläuterung bildet.“ Wenn das Göttliche, „dann ist die Bibel eine Lehre von Gott, eine Theologie. Setzen wir dagegen den Menschen als den Hauptgegenstand der biblischen Betrachtung, so ist die Bibel eine Lehre vom Menschen“. Adlers Antwort: „Zweitausend Jahre überlieferten jüdischen Denkens lassen keinen Zweifel darüber, dass es der Mensch ist, der nach jüdischen Auffassung von der Bibel erforscht und aufgesucht wird.“ Eine klare, unmissverständliche Zurückweisung.

Gesundheit benannte einige weitere Bücher, ohne allerdings daraus zu zitieren, und erklärte sie für wichtig, was sie wohl auch sind. Deswegen und eigentlich nur deswegen seien sie ein ausreichender Beweis für die Existenz einer jüdischen Theologie. Seine Zuhörer sind ihm durchaus dankbar und nachsichtig - sie wissen dies nämlich auch ohnehin. Nur suchen sie sie nicht in jüdischen oder jüdisch geprägten Quellen, sondern woanders, am besten in der Textologie literaturwissenschaftlicher Prägung, frei von Zwängen kultureller, religiöser, mentaler, historischer Unterschiede.

Ein anderes Beispiel: 2006 erschien ein Buch von einem evangelischen Theologen aus Bonn. Der Autor heißt Günter Bader, er ist soeben emeritiert; das Buch: "Die Emergenz des Namens". Es findet sich keine einzige Besprechung des 400-seitigen Folianten, weder Lob noch Kritik. Ist es zu schwer geschrieben? Zu speziell? Oder zu schwach? Gründe der kollegialen Nicht-Beachtung sind mir unbegreiflich, suspekt. Es ist eine lange, stellenweise vielleicht langatmige Abhandlung, die allerdings an manchen Stellen Begeisterung am Thema und an der Formulierungskunst ausstrahlt. Spannend ist das Buch allemal: Erst die zwei letzten Seiten zeigen des Pudels Kern. Beizeiten entsteht das Gefühl, der Autor habe Angst das auszusprechen, worauf er eigentlich hinaus will: Die Theologie ist am Ende und deren Selbstdestruktion nicht aufzuhalten.

Bader beginnt mit dem Tetragrammaton, stützt sich auf die lateinisch geschriebene Untersuchung Luthers und verfolgt das Thema des unaussprechlichen Gottesnamens in der theologischen (Aquin, Areopagita), altphilosophischen (Platon), linguistischen (Jakobson), psychologischen (Goldstein), kabbalistischen (Scholem) und neuphilosophischen (Rosenzweig, Levinas, Derrida) Literatur. Sympathien des Autors liegen deutlich bei der Kabbala, insbesondere bei der sogenannten exstatischen Kabbala, die er ausführlich – mit Scholem als Wegbegleiter – im Werk von Abraham Abulafia (13. Jahrhundert) findet. Darin entdeckt Bader „die Latenz der Übereinstimmung zwischen jüdischer und christlicher Hermeneutik im Zeichen des Platonismus“. Er betrachtet die Sache von zwei „gegenläufigen“ Positionen aus und bringt kritisch die christliche Polemik hinein: „Christen, so heißt es, lesen die Schrift nicht beschränkt wie die Juden, die am Literalsinn haften. Jüdisches Lesen führe zu Rande und Schale, christliches dringe in Mark und Kern. Miseri Judaei…“ Dagegen hält Bader: „Nun ist aber in der theosophischen Kabbala eine jüdische Überlieferung aufgetreten, die genau das lehrt, was ihr der christlichen Polemik zufolge gefehlt haben soll“. Und weiter: „Es gilt, nicht etwa das antijüdische Vorurteil sei es aus Scham, sei es aus Opportunismus zurückzuziehen, was unglaubhaft bliebe, sondern im Gegenteil: es zu intensivieren, solange, bis das Fortgewiesene umschlägt und als Herbeizurufendes zurückkommt, zur Belehrung der Christen.“ Und noch weiter: „Miseri Christiani; das ist der Kern dessen, was hier zur Verhandlung steht, und die Emergenz des Namens ist nichts als ein Schibboleth hierfür.“

Machen wir hier eine kurze Pause, ich musste eine lange Passage in gekürzten Form zitieren. Sie zeigt, wie Bader die „eigentümliche“ jüdische Sicht verteidigt und sie zum gewissen Vorbild für die christliche macht. Ja, unverkennbar, und auf den ersten Blick gut gemeint. Er sorgt sozusagen für Gerechtigkeit, indem er den Vorwurf der Christen an die Juden ironisch umpolt – von den elenden Juden auf die elenden Christen. Der aufmerksame Leser hat aber bestimmt auch eine Besonderheit rhetorischer Argumentation wahrgenommen: Dafür, ein antijüdisches Vorurteil „zurückzuziehen“, gäbe es nur zwei Gründe – aus „Scham“ oder aus „Opportunismus“. Beide wären allerdings „unglaubhaft“. Besser sei es, das Vorurteil zu „intensivieren“. Ernst gemeint?

An anderer Stelle ist die Wortwahl Baders nicht weniger merkwürdig: „Dass das schöne griechische Wort theologia mit dem erhabenen hebräischen Namen יהוה in Verbindung gebracht wird, ist bereits für das Auge anstößig, um wie viel mehr für das Denken. Wir knüpfen Theologie an ein biblisches Fremdwort, das sie nicht selbst hervorgebracht hat, zudem an ein solches, das seinen Sprecher nicht als den lässt, der er war.“ Es bilden sich Wort- und Wertungspaare – schön/anstößig sowie wir/Fremdwort. Ein Zufall?

Noch ein Zitat: „Das Tetragramm der Kabbalisten kann nicht ausgesprochen werden, selbst wenn man es wünschte; es ist ineffabile omnibus modis. Das Tetragramm des Talmudisten kann sehr wohl ausgesprochen werden, wird aber nicht; es ist nomen Dei scriptum, sed ineffatum. […] Das ist die befremdliche An-, nein: Zumutung, die vom hebräischen Tetragramm ausgeht. Erst hebräisch ist es sinnentblößt genug, um sich griechischem Sinnverlangen zu widersetzen.“ Auch hier beschreibt Bader den jüdischen Umgang mit dem Tetragramm an sich korrekt, auch wenn die lateinischen Formeln den Inhalt christianisieren. Die Wortwahl lässt aber nach und nach aufhorchen: „befremdlich“, „Zumutung“ etc. Ist es denn so schlimm, als Theologe immer wieder mit den jüdischen Wurzeln konfrontiert zu werden? Warum nur widersetzt sich der Hebräer dem griechischen Sinnverlangen, warum entblößt er sich dazu?

Und was ist mit der Theologie selbst? Da sieht Bader eher schwarz: „Der Name Gottes ist zerfallen, zersprungen, zerschlagen in Stücke, die Stücke abermals in Stücke, und die Sprache, die sich durch den Namen hatte sammeln lassen, ist verwandelt in einen Schutthaufen aus Buchstaben und einen Trümmerberg aus Lauten.“ Nach einem langen Derrida-Exkurs schlussfolgert Bader: „Das Tetragramm ist gerettet, indem es sich ausstreicht“. Seine Interpretation der Perspektive klingt dekonstruktivistisch: „Es ist die Selbstauslöschung, mit der sich der Name in den Text, und es ist die semantische Selbstzerstörung, mit der er sich in die Sprache ritzt.“ Hier knüpft Bader an den Anfang seines Buchs an, an die minutiöse Darstellung Luthers Studie „De nomine dei tetragrammaton“ (1519). Er ist fasziniert von dem wichtigen Detail der Originalausgabe, vom „einzigartigen Schauspiel, dass für einen Moment das fortlaufende Band der lateinischen Lettern bricht. Es entsteht eine Lücke, in die יהוה handschriftlich eingetragen werden sollte.“

Dieses Faszinosum zieht sich durch das Buch: „Das bloße Tetragramm in seiner unreduzierten Fremdheit gibt bereits viel zu denken. Aber so scharf Luther dies wahrnahm, angezogen davon war er mitnichten. Sein Urteil, der jüdische Gebrauch des Namens Gottes sei nichts anderes als abergläubischer Missbrauch und Blasphemie des Namens Christi, und die jüdische Weise der Heiligung des Namens stelle nichts dar als den fortgesetzten Verstoß gegen das Zweite Gebot: das lassen wir besser unkommentiert. Beim Nicht-Verhandelbaren steht Zeugnis wider Zeugnis. Unkommentiert bleibe daher ebenso die jüdische Stimme, die nur zu genau weiß, was Heiligung des Namens für Juden zu bedeuten hat.“ Im Anschluss darauf zitiert Bader aus einer Chronik über das Pogrom in Mainz am 27. Mai 1096, ohne mit einem Wort die Mörder beim Namen zu nennen.

Fassen wir zusammen: Bader vermeidet die Kommentierung der antijüdischen Positionen Luthers. Warum? Weil es aus Scham und Opportunismus „unglaubhaft“ wäre? Luthers Position ist für Bader „nichtverhandelbar“ und zumindest gleichwertig mit der jüdischen. Er sieht sich bei einer „Verhandlung“ und stellt Zeugnis gegen Zeugnis. Auf der einen Seite also ein Zeugnis –Luther würdigt 1519 den jüdischen Glauben herab, womit auch die weitere Wortwahl Baders einhergeht („befremdlich“, „Zumutung“ usw.). Auf der anderen Seite auch ein Zeugnis - an ihrem Glauben festhaltenden Juden werden von Kreuzrittern 1096 ermordet. Auch dies bleibt unkommentiert. Warum? In der feinfühligen Annahme, der Leser wisse Bescheid? Ich wage zu behaupten, der Leser hat etwa Simon Dubnows Bände der jüdischen Geschichte (mit dem passenden Kommentar zum Pogrom in Mainz sowie zu den antijüdischen Texten Luthers) eben nicht parat und kann den Zusammenhang so ohne Weiteres nicht verstehen. Im schlimmsten Fall sogar ganz im Gegenteil. Sind denn die gegeneinander gestellten Zeugnisse wirklich gleichwertige Prämissen? Bilden sie eine logische Argumentationskette? Anders gefragt, warum vergleicht Bader hier nicht Verfolgungen der frühen Christen mit den antijüdischen Pogromen und stellt Luthers Polemik nicht den Schriften Leo Baecks gegenüber?

Und jetzt zurück zur „jüdischen Theologie“. Bader will doch Luthers Quellen untersuchen und geht der „jüdischen Theologie“ nach. Zitiert werden dabei Pico della Mirandola, Reuchlin und Hieronymus, alles wohl gemerkt keine jüdischen Autoritäten, wobei beim letzten (bekannt für seinen Antijudaismus) Bader dessen besondere Bedeutung für Luther unterstreicht – „unter dem Aspekt der Absonderlichkeit“. Das sei für Luthers „Umgang mit jüdischer Theologie ebenso treffsicher wie stilbildend“ gewesen. Dann ist also alles in Ordnung.

Langsam dämmert es, was dabei gemeint ist: „Jüdische Theologie“ ist für Bader die Summe der Kenntnisse der christlichen Autoren über das Judentum. Im Buch zeigt er auch sein zweifellos umfangreiches Wissen über das eigentliche Judentum und differenziert, wie oben gezeigt, zwischen der Kabbala, der Talmudistik und dem rabbinischen Judentum, nur um daraus seine eigene Posttheologie abzuleiten. Weder der geschichtliche Kontext noch die aktuelle Situation der beiden Religionen werden explizit behandelt. Das Buch lebt im Geiste des Autors, wo Platon und Rosenzweig, Luther und Levinas Zeitgenossen sind und mit hohem Pathos Geheimnisse des Unaussprechlichen deuten. Alles, was passt, wird hier zu einem Teil christlicher Lesart; was nicht passt, bleibt unerwähnt.

Es gibt ganz sicher andere Bücher, andere Arten des christlich-jüdischen Umgangs miteinander. So viel zum aktuellen Stand des christlich-jüdischen Dialogs: Emergency! Nur durch die Emeritierung zu retten?

Musikvermittler unter sich

Seit Jahren arbeite ich an dem Thema, wie man die Musik interpretiert - in der Aufführungskunst und im Wort. Viele Artikel, viele Seminare sind ein Resultat davon. So interessiert mich selbstverständlich, was Kollegen auf dem Gebiet machen. Es ist nämlich nicht immer goldig! Das fand die "Jüdische Zeitung" im Februar 2008 auch:

Schubert Germanicus
Nicht jeder will über Musik reden – die meisten Melomanen befürchten dabei einen viel zu großen Verlust an musikalischer Immanenz. Einerseits kann das ja auch passieren, wenn ein Meisterwerk in plumpe Banalitäten übersetzt oder in allzu technischen Begriffen nacherzählt wird. Andererseits gibt es zum Reden eben keine Alternative, denn nur über das gesprochene Wort verständigen wir uns und tauschen unsere Musikauffassungen aus. Besonders wortgewaltige Musikliebhaber schreiben ihre Klangvisionen auf – so wie Thomas Mann uns gelehrt hat. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist eine neue Form der Musikvermittlung entstanden, von der das Radio insbesondere profitiert.

Einige der Musiksendungen sind inzwischen traditionsreich und beliebt. Oder besser gesagt, ihre Autoren. Einer der berühmtesten auf diesem Markt ist Joachim Kaiser. So auch zu Beginn des Jahres: Im Deutschlandfunk erklang seine Einführung in die Große C-dur Symphonie von Franz Schubert. Zwei Eigenschaften dieser Sendung machen sie besonders interessant und exemplarisch - die ernsthaft gemeinte Germanisierung des Gegenstandes und die normative Kunstauffassung.

Kaisers Schubert lebt in einem Geistesland. Weder biografische noch historisch relevante Details werden vermittelt, dafür umso mehr angedeutet bis ausgesprochen, wie germanisch seine Musik sei. Dazu gehören Begriffe wie Wandern, Wald, Schlösser und Echo. Wer sich dafür nicht interessiere, der könne Schubert nicht erschließen. Um das zu betonen, erzählt Kaiser sein privates Gespräch mit Gershom Scholem nach: Der Germane Kaiser fragte den Juden Scholem, ob dieser Lust habe, im Wald spazieren zu gehen. Darauf antwortete jener: „Wir Juden gehen lieber ins Kaffeehaus!“ Es folgt eine gut gemessene Pause. Währenddessen sollte einem jeden klar werden: Die Germanen gehen nie ins Kaffeehaus; Schubert wusste bestimmt nicht einmal, was das ist; Juden ihrerseits haben den Wald nie von innen gesehen. Wäre diese Anekdote eine Ausnahme, würde ich das für einen Anfall der Eitelkeit halten. Dem ist jedoch nicht so, weiter werden mehrere nichtgermanischen Persönlichkeiten eingeführt – betont unterstrichen wie „der Rumäne Celibidache“, der Schubert „behäbig“ spielte, sowie Bruno Walter, der aus unerwähnten Gründen „1933 emigrieren musste“ und „fast amerikanisch“ musizierte. Charles Mackerras schafft es nur bis zu „etwas substanzlos“: Der plappere ja nur, ihm fehle „das Emphatische“. Leonard Bernstein ermangelte es am „Geheimnisvollen“. Auch mit dem „abgründig Traurigen“ konnte dieser nicht viel anfangen: „Damit wird aber Entscheidendes versäumt“.

Es bleiben zwei, die alles richtig gemacht haben, - Furtwängler und Wand. Es erübrigt sich zu betonen, dass beider Germanischkeit sicher ist. Die besonderen Qualitäten der meisterhaften Aufnahmen werden in höchst pathetischer Sprache aufs ausführlichste gepriesen. Irgendwann am Ende der Sendung kommt dann doch die Krönung der Argumente: Die Furtwängler-Aufnahme 1942 sei deswegen besonders gelungen, weil sie aus der Zeit stamme, als „die Stalingrad-Katastrophe ankam!“ Sie ist tatsächlich aber bei Konzerten entweder am 30. Mai oder vom 6.-8. Dezember entstanden. Genau weiß man das bis heute nicht. Tja, wie auch immer, die sogenannte Katastrophe wurde aber im Januar real und erst im Februar 1943 der breiten Öffentlichkeit bekannt. Furtwängler konnte sie im Monat Dezember noch nicht spiegeln (im Mai noch weniger). Außerdem war er mit seinen Konzertreisen durch das besetzte Europa sowie mit der Wiener „Tristan“-Inszenierung noch zu ausgelastet, um sich über die eine oder andere bevorstehende Katastrophe Gedanken zu machen.

Karl Böhms Referenzaufnahme mit ihrer Wiener Färbung taucht nicht auf - ebenso wie „Österreich“, „Wien“ keinerlei Erwähnung finden. Ich könnte noch ein Dutzend sehr unterschiedlicher Dirigenten nennen, die ihren Schubert gefunden haben. Es gibt nämlich keine einzig richtige, für alle Zeiten mustergültige Interpretation.
Schubert durch Stalingrad zu ziehen, scheint eher Teil der Erinnerungskultur eines kriegstraumatisierten Menschen zu sein. Auch wenn diese Erinnerung, wie gezeigt, etwas verzerrt ist, bleibt sie durchaus ein Fakt: So hört Kaiser Schubert eben, das ist seine zeitbedingt entstandene Auffassung, die als privates Dokument sehr wohl ihre Berechtigung hätte. Nur wird sie als Mittel patriotisch orientierter Kulturdeutung ausschlaggebend eingesetzt. Eine deutsche Musikinterpretation als einzig wahre Norm - muss das sein?

25. Januar 2008

Tony Judt auf den Spuren von Hannah Arendt

Die vor zwei Monaten angekündigte Besprechung zu den Folgen des neulich veröffentlichten Offenen Briefes muss ich irgendwie strukturieren. Es sind nämlich inzwischen mehrere Texte entstanden, sowohl pro als auch contra. Sie ersetzen in ihrer Fülle die nicht existente öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Insgesamt haben die Geheimhalter der Jury verloren - sie konnten die Preisverleihung nicht als Sieg in ihrem unermüdlichen Kampf für den demokratischen Dialog verkaufen und verhüllten sich im ignoranten Schweigen. Egal wie sie sich anstellen, sehen sie sich in einem Eiertanz, weil sie auf keinen Fall die wahre Begründung offenlegen wollen (Judt bekommt seinen dritten deutschsprachigen Preis im Jahr 2007 für seine antiisraelische Position!), weil Judt und seine Verteidiger in der von uns losgelösten Diskussion ihn als "Israelkritiker" präsentieren und loben, weil sein Europa-Buch in diesem Kontext nur als Aufhänger erscheint.

Anschließend folgen besagte Texte selbst - meist in Auszügen.

Aber zuerst soll eine kurze Auswertung der Stimmen geschehen. Die ausgewogene Darstellung der Positionen gelingt in vier gedruckten Artikeln (3,6,7,14) und einem Blogartikel (5). Die angeblich neutrale Juriposition wird entlarvt und in den Kontext der medialen Rolle Judts gestellt. Die meisten Autoren gehen ausführlich auf die Einstellung Judts gegenüber Israel ein, der Blogtext außerdem auf die Einschätzung der europäischen Geschichte im gepriesenen Buch Judts. Keine dieser Stimmen unterstützt die positive und hervorhebende Darstellung in dem Lobtext der Jury, sie alle widersprechen ihm und solidarisieren sich mit dem Protestbrief.

Wie aus unserem Leserbrief (12) deutlich wird, haben weder die Jury noch die Stiftung inhaltlich und direkt auf den Protestbrief geantwortet. Alleine Bürgermeisterin Frau Linnert ging darauf in ihrer Rede (13) ein. In dem dpa-Text (8) wird der Protestbrief sogar mit keinem Wort erwähnt - so wird ein Versuch unternommen, die Diskussion zu verhindern und die vorhandene Kritik zu verschweigen. Da der dpa-Text direkt von der Stiftung kommt, klingt die Empörung von Frau Grunenberg (14) und Herrn Rüdel (2) besonders bizarr, insbesondere in dem Moment, als sie sich zu Statthaltern der Diskussionskultur einer Hannah Arendt erklären. Aber auch in ihren Stellungnahmen zu dem Protestbrief zeigen sie sich uninformiert und nichtssagend. So sieht Peter Rüdel in Judt "einen Kritiker der aktuellen Politik Israels. Ein Mann, der freiwillig in der israelischen Armee gedient habe, stelle gewiss nicht Staat Israel in Frage." Das bedeutet, P.Rüdel kennt sich mit der Position Judts nicht aus und argumentiert dazu noch nicht einmal mit dessen Texten, sondern mit dessen Biographie, und zwar mit dem Fakt, dass Judt für eine kurze Zeit für die israelische Armee nach dem 1967-Krieg dolmetschte - mehr dazu in dem anderen Artikel in diesem Blog; Ingo Way ist über den Passus Rüdels auch empört (siehe unten bei 6). Genauso ungeschickt reagiert Rüdel auf die Feststellung, dass den jüdischen Kritikern Judts keine Möglichkeit geboten wird mitzudiskutieren: "Der Preis sei [...] auch in den vergangenen Jahren an einem Freitag verliehen worden". Sicher, das ist kein Problem für Tony Judt sowie auch für die gesamte Heinrich-Böll-Stiftung. Wenn man aber eine Diskussion mit einem "guten Juden" auf die Schabbatzeit ansetzt, muss ein Protest kommen, und dann ist die Antwort Rüdels kontraproduktiv - eine Diskussion wird von ihm auf diese Weise unterdrückt, was im Radiobeitrag von W.Stenke (15) ignoriert wird.

Genauso scheinheilig sind die Verteidigungsworte von Frau Grunenberg (14), die mit keinem Wort auf die Kritik eingeht, sie dafür aber als "unsachlich" und "diffamierend" bestempelt. Vollkommen ignorant ist sie gegen die Kritik an ihre eigene Adresse und will den Protest als einen persönlich ausgerichteten Kampf gegen Judt sehen. Indem sie dies tut und sich dazu auch noch hinter dem Namen von Hannah Arendt versteckt, macht sie genau das Gegenteil von dem, was sie ansagt, sie nämlich unterdrückt die Diskussion. Der Radiobeitrag von W.Stenke (15) ist vielleicht der einzige Versuch, Judt und die Jury inhaltlich zu verteidigen. Deswegen wird er etwas ausführlicher (siehe unten) behandelt, um die Lächerlichkeit seiner Argumentation offenzulegen.


1. Am 21.11.2007 im täglichen Programm des Bremer Fernsehens "Buten un Binnen":

Jüdische Gemeinde kritisiert Preisträger

Die jüdische Gemeinde Bremen ist unzufrieden mit der Verleihung des Bremer Hannah-Arendt-Preises an den Historiker Tony Judt. In einem offenen Brief hat ihm die jüdische Gemeinde vorgeworfen, Zitate zu manipulieren oder zu erfinden, um seine politischen Ansichten zu untermauern. Der in New York lebende Historiker Judt soll die Auszeichnung am 30. November erhalten. Finanziert wird der Preis vom Bremer Bildungssenator und der Heinrich-Böll-Stiftung.


2. Am 21.11.2007 in der späteren Ausgabe des Bremer Radios:

Jüdische Gemeinde Bremen kritisiert Preisvergabe

Die Jüdische Gemeinde Bremen hat die Vergabe des diesjährigen Hannah-Arendt-Preises an den britischen Historiker Tony Judt kritisiert. In einem offenen Brief wirft die Gemeinde der Preis-Jury, der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bremer Senat vor, sie habe einen Mann mit einer israelfeindlichen Einstellung ausgewählt. Wenn jemand Jahr ein Jahr aus sage, Israel sei umstritten, gehasst und ein Besatzer und Kolonialist, dann sei das keine Kritik an der Regierung sondern eine antiisraelische Haltung, heißt es in dem Brief und weiter:
Der in New York lebende Historiker Judt vertrete die offizielle palästinensische Sicht auf die Geschichte, samt der erfundenen und verdrehten Fakten sowie des antiistraelischen Vokabulars. Kritisiert wird auch der Termin der Verleihung am Freitag kommende Woche und die zusammenhängende Diskussionsveranstaltung am Samstag Morgen. Juden, die traditionell den Sabbat begängen, seien so von der Teilnahme ausgeschlossen.
Peter Rüdel von der Bremer Heinrich-Böllstiftung kann die Kritik nicht nachvollziehen. Judt sei kein Israelkritiker sondern ein Kritiker der aktuellen Politik Israels. Ein Mann, der freiwillig in der israelischen Armee gedient habe, stelle gewiss nicht Staat Israel in Frage. Der Preis sei darüber hinaus auch in den vergangenen Jahren an einem Freitag verliehen worden.


3. Die TAZ widmete dem Ereignis einen Artikel von KLAUS WOLSCHNER am 23.11.2007:

Arendt-Preis für Israel-Kritiker

Die Bremer Jüdische Gemeinde kritisiert die Vergabe des Hannah Arendt-Preises an den New Yorker Historiker Tony Judt. Der kritisiert die Israel-Lobby in den USA und plädiert für ein binationales Israel

Dass die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an den Historiker Tony Judt zu Debatten führen würde, war klar - und anscheinend doch überraschend. In der Begründung der Jury für die Wahl des Preisträgers wird auf dessen kritische Position zu dem Staat Israel nicht eingegangen. Die Jury will Tony Judt würdigen "als eine Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiert". Er sei ein "Historiker, der weiß, dass historische Ereignisse nicht ohne ihre vielfältigen Kontexte verstanden werden können", ein "politischer Denker, der seine Sicht auf die Geschehnisse der Zeit in die öffentliche Kontroverse einbringt", schließlich sei er ein "politischer Essayist" und "streitbarer Zeuge seiner Zeit". Die Jury bezieht sich auf sein 2005 erschienenes Buch "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart".

Im vergangenen Jahr sollte Judt, Leiter des Remarque Institute an der New York University, im polnischen Konsulat einen Vortrag über Israel-Lobbyismus in der amerikanischen Außenpolitik halten. Als das polnische Generalkonsulat den Vortrag kurzfristig absagte, gab es eine große Debatte um die Meinungsfreiheit in den USA.

Judt, in seiner Jugend Zionist, plädiert heute für einen "binationalen Staat Israel", in dem Palästinenser und Juden zusammenleben sollen. In einem Essay für die New York Review hat er formuliert, Israel sei ein Anachronismus und die Frage aufgeworfen, ob in der heutigen Welt für einen jüdischen Staat Platz sei. Das ist der Punkt, an dem jetzt auch die Jüdische Gemeinde Bremen mit einem offenen Brief interveniert. "Sein Programm des binationalen Staates ist, nach treffenden Worten Leon Wieseltiers, keine Alternative für Israel, sondern die Alternative zu Israel", schreibt Elvira Noa für das Präsidium der Jüdischen Gemeinde. Dieser Aspekt der Bedeutung des Historikers Judt werde "in der Jurybegründung mit einem großem Schamblatt zugedeckt". Judt verbreite "die offizielle palästinensische propagandistische Sicht auf die Geschichte". Er sei als Historiker bei weitem nicht so anerkannt und gepriesen wie als Israel-Kritiker.

In der Tat ist Judt in den USA vor allem durch die Auseinandersetzung mit der Israel-Lobby in den Medien bekannt geworden. Er verbindet seine Kritik der Israel-Politik der USA mit einem Angriff auf die Legitimation der amerikanischen Juden: "Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, auch nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch", sagt er. "Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: durch eine Identität im Raum, das ist die Identifikation mit Israel, selbst für jene, die niemals dort waren. Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifikation mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist."

Wohlwollende Kritiker nennen Judts Position zum gemeinsamen Staat von Juden und Palästinensern naiv. "Tony Judts Vorschlag, der als Jugendlicher eine hebräische Schule besuchte, im Haus seiner Großeltern mit jiddischer Kultur erzogen wurde und nach der Schule ein Jahr in einem israelischen Kibbuz lebte, ist eher der Ausdruck politischer Verzweiflung vor dem Hintergrund einer lebenslang favorisierten linkszionistischen Utopie denn ein ernsthaftes politisches Programm", meinte etwa Micha Brumlik in der taz.


4. Auf diesen Artikel folgte ein Leserbrief am 27.11.2007:

Verwirrende Kritik

Betr.: "Arendt-Preis für Israel-Kritiker", taz nord vom 23. 11. 2007

Tony Judt wünscht, dass Israel ein Staat wird, in dem Juden und Araber gleichberechtigt sind. Deshalb kritisiert die Jüdische Gemeinde Bremen, dass Tony Judt den Hannah-Arendt-Preis 2007 bekommt. Diese Kritik verwirrt. Wer sollte sonst diesen Preis bekommen? Genau das ist es doch, was Hannah Arendt forderte! Sie beklagte, dass die Amerikanische Zionistische Organisation 1944 das Programm Ben Gurions übernahm: das Ziel eines jüdischen Staates, der ganz Palästina umfassen solle: "Dies ist ein Todesstoß gegen die jüdischen Parteien in Palästina selbst, die die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen dem arabischen und dem jüdischen Volk predigten... Wenn Zionisten auf ihrer sektiererischen Ideologie beharren und in ihrem kurzsichtigen 'Realismus' fortfahren, dann werden sie auch die kleinen Chancen verspielen, die kleine Völker in unserer nicht sehr schönen Welt heute noch haben." Fazit: Die Jüdische Gemeinde Bremen würde auch gegen die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Hannah Arendt protestieren. ROLF VERLEGER, Lübeck


5. Im Blog "Lizas Welt" wird das Thema am 26.11.2007 online besprochen(Link). Ein sehr gelungener Beitrag aus meiner Sicht, mit einer großen Wirkung.

6. Ingo Way hat in der "Jüdischen Allgemeinen Zeitung" am 29.11.2007 einen Artikel dazu geschrieben und online in seinem Blog gestellt (Link). Am selben Tage schrieb er noch einmal zum selben Thema.

7. Am 30.11.2007, am Tage der Preisverleihung, brachte die "Welt" einen größeren Artikel von Jacques Schuster zum Thema:

Empörung über Arendt-Preis für Tony Judt

Der englische Historiker Tony Judt erhält heute in Bremen den Hannah-Arendt-Preis, und die Jüdische Gemeinde der Stadt ist empört. In einem offenen Brief kritisiert ihr Präsidium die grüne Heinrich-Böll-Stiftung und den Bremer Senat. Beide verleihen den Arendt-Preis jährlich an Persönlichkeiten, welche "das 'Wagnis Öffentlichkeit' angenommen haben und das Neuartige in einer scheinbar sich linear fortschreibenden Welt denkend und handelnd erkennen und mitteilen", wie es in den Regeln der Preisverleihung etwas holprig heißt.
Tony Judt, der das Erich Maria Remarque Institut an der New York University leitet, gehört in den Kreis derer, welche das "Wagnis Öffentlichkeit" auf sich nehmen und damit genau den Ansprüchen gerecht werden, die die Träger des Vereins gestellt haben. Seit Jahren beeindruckt Judt seine Leserschaft durch scharfsichtige und kluge Studien über die Ideologien des 20. Jahrhunderts. Sein jüngstes Buch "Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart", die letztes Jahr in Deutschland erschien, gilt als gelungene Verbindung aus Geschichtspolitik, postnationaler Historiografie und Gesellschaftsgeschichte.
Missmut erregte der einst glühende Zionist Judt allerdings durch einen Aufsatz in der "New York Review of Books", den er 2003 geschrieben hatte. Darin attackiert er Israel. Das Land sei in den Nationalismus zurückgefallen, und es bleibe nur eine binationale Lösung, wenn der Konflikt mit den Palästinensern je beendet werden solle. Daraufhin empörte sich Judts langjähriger Freund, der Publizist Leon Wieseltier im Magazin "New Republic": "Ich habe noch nie jemanden getroffen, der das für irgend etwas anderes gehalten hätte als einen Aufruf zur Vernichtung des jüdischen Staates."
Die Vertreter der "Jüdischen Gemeinde im Land Bremen" beziehen sich auf diesen Streit, der in den Vereinigten Staaten heftige Kontroversen um Judt auslöste. Sie werfen der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Senat vor, bewusst einen Juden als Preisträger ausgewählt zu haben, der genau die "antizionistischen Klischees" ausspreche, die ein "deutscher Autor nach Möllemann" nicht mehr im Munde zu führen wagte. Judts Äußerungen zu Israel seien keine Kritik an der Regierung in Jerusalem, sondern stellten die Existenz des jüdischen Staates in Frage. Judt vertrete eine "antiisraelische Haltung", die vielleicht Israelis in der innerisraelische Debatte zustünden, aber nicht Außenstehenden. Noch pikanter werde es, "wenn einer erst durch solche Äußerungen prominent und mit Preisen überschüttet wird".
Die Jury, deren Wahl auf Judt fiel, verweist hingegen auf "die Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiere". Von der Empörung in Amerika will sie nichts mitbekommen haben.
Der Preis, der mit 7500 Euro dotiert ist, wird heute Vormittag verliehen. Der ungarische Philosoph und Publizist Gáspár Tamás hält die Laudatio. Im Anschluss diskutiert eine internationale Runde, an der auch eine israelische Historikerin teilnimmt, mit dem Preisträger.


8. Im Laufe desselben Tages verschickte der Hannah-Arendt-Verein eine Meldung, die von der dpa übernommen wurde. In diesem Text wird weder der Protestbrief noch irgendeine Kritik oder sonstige Abweichung von der festlichen Stimmung erwähnt.

9. Am Abend desselben Tages sendete das Fernsehmagazin "Buten un Binnen" einen pikanten, obwohl offensichtlich ernstgemeinten Beitrag zur Preisverleihung, in dem der Moderator u.a. sagte:

Er ist Sohn jüdischstämmiger Eltern und lebt in New York.
...Judt gilt als ein Israelkritiker. Deswegen hat die Jüdische Gemeinde die Preisverleihung kritisiert.


10. Die TAZ hat am 1.12.2007 die unautorisierte Übersetzung der Rede des Preisträgers online gestellt und kommentiert:

In seiner Festrede über "Das ,Problem des Bösen' im Nachkriegs-Europa" anlässlich der Hannah-Arendt-Preisverleihung 2007 hat der Preisträger Tony Judt auch die Frage der Kritik an der israelischen Politik aufgegriffen. "Wenn mir gesagt wird, dass ich meine Kritik an Israel besser nicht zu laut äußern sollte, aus Angst, die Geister des Antisemitismus heraufzubeschwören, dann antworte ich, dass es genau andersherum ist", sagte Judt. Denn die Wahrheit sei, "dass Israel heute nicht in existentieller Gefahr ist".


11. Am selben Tag publizierte Robert Best einen großen Artikel im "Weser Kurier":

Eine umstrittene Ehrung
Historiker Tony Judt erhält den Hannah-Arendt-Preis

BREMEN. Eine vergleichbare Empörung gab es in der 13-jährigen Geschichte des Hannah-Arendt-Preises noch nie. Sie richtet sich gegen den Preisträger - den britisch-jüdischen Historiker Tony Judt - und kommt vor allem von Elvira Noa und Grigori Pantijelew von Bremens Jüdischer Gemeinde. Die beiden wandten sich in einem offenen Brief an die Hannah-Arendt-Jury, den Senat der Hansestadt Bremen und die Heinrich-Böll-Stiftung, die Judt den mit 7500 Euro dotierten Preis gestern im Rathaus verliehen hat. In dem Brief heißt es: "Wenn einer - jahrein, jahraus - sagt, Israel sei ‚umstritten’, ‚gehasst’, ‚ein Besatzer und Kolonialist’, ‚eine strategische Belastung’, ‚ein politischer Anachronismus’ etc., stellt sich die Frage: Was das soll?" Und: Judt gehöre zu denen, die "antizionistische Klischees aussprechen, die einem deutschen Autor nach Möllemann schlecht zustehen".
Seit Jahren tritt Judt mit Thesen in Erscheinung, die ihm einen Ruf als Vordenker, aber auch als politischen Provokateur einbringen. So trat er 2003 in einem Essay für eine Ein-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt ein, für eine Nation, deren Bürger gleichermaßen Juden wie auch Christen und Moslems sein können.
Die Idee von Israel als rein jüdischem Staat habe sich überlebt, sagt er mit ruhiger Stimme. Sie sei unvereinbar mit einem demokratischen Anspruch. Schon heute lebten 22 Prozent nichtjüdische Menschen in Israel. Dem Einwand, ein binationales Modell könnte das Ende des Staates sein, kontert Judt mit der Bemerkung, es sei vielmehr seine einzige Alternative, wenn es nicht in "Selbstwidersprüchen" versinken wolle.

Auch Israels Verbindungen zu den USA kritisiert Judt mit harschen Worten. Es sei für beide Staaten sinnvoll, wenn "die bedingungslose Unterstützung" der USA ein Ende habe. Israel sei "an sich kein gefährdeter Staat": Es habe gute Verbindungen zu Ägypten und Jordanien, und auch mit Syrien sei ein Übereinkommen zu finden. Gefährlich sei indes die enge Bindung an die USA, die Israel zu einer Zielscheibe in Nahost mache. Israel erscheine "nicht überzeugend", wenn es vielerorts als "Flugzeugträger Amerikas" wahrgenommen werde.
Nicht im Interesse des Landes sei daher auch der Einfluss der "Israel-Lobby" in Washington, sagt Judt. Zudem würde diese ihre Kritiker zum Schweigen bringen. Judt bezieht sich auf pro-israelische Interessensvertreter wie die Anti Defamation League (ADL) oder das Israel Public Affairs Committee. Vor einem Jahr ist ein Vortrag Judts im polnischen Konsulat in New York kurzfristig abgesagt worden. Judt und andere machten dafür die ADL mitverantwortlich. Der Kommunitarismus in den kulturellen Gemeinden der USA sei so stark, so Judt, dass viele sich in Selbstzensur übten.

Auch die Vorwürfe der Jüdischen Gemeinde Bremens tut er als Anmaßung ab: "Sie können nicht anderen Juden sagen, was sie tun oder lassen sollen." Es gebe einen Unterschied zwischen Kritik und Antisemitismus. Einfach zu erkennen sei letzterer indes oft nicht, gesteht er ein: "Es ist wie mit Pornografie - sie ist nicht zu definieren, aber du erkennst sie, wenn du sie siehst." Israel sei jedoch nicht geholfen, wenn man über seine "aggressive Politik" schweige. Vielmehr sei es das Schweigen selbst - auch das über die Vernichtung der Juden in Europa -, das Vorurteile erzeuge.
Heute sei Europa indes auf dem Wege, zu einem Modell für andere Staaten und Gemeinschaften in der Welt zu werden, sagt Judt. Man müsse Europa nur verlassen, um sich seiner Stärken bewusst zu werden. Vielerorts werde die "gelungene Kombination von Marktwirtschaft und Sozialstaat, von demokratischen Institutionen und offener Gesellschaft" geschätzt. Wenn Europa nicht zu einem geschlossenen Auftritt finde, so Judt, dann verspiele es seine Chance, eine Alternative zu China und den USA abzugeben und werde letztlich irrelevant.


12. Darauf antwortete das Präsidium der Jüdischen Gemeinde sofort mit einem Leserbrief, der allerdings erst am 8.12.2007 veröffentlicht wurde:

Zum Artikel "Eine umstrittene Ehrung" vom 1. Dezember:

Bitte um mehr Normalität
Wir begrüßen die ausführliche Darstellung der umstrittenen Hannah-Arendt-Preisverleihung. Die Stimme einer Jüdischen Gemeinde muss nicht als Mahnung wahrgenommen werden: Wir hätten gerne mehr Normalität eines Dialogs auf gleicher Augenhöhe.

Das setzt aber unter anderem voraus, dass man einander zumindest nicht ignoriert. Wir haben auf unseren Brief keine Antwort bekommen, weder von der Jury, die sich der Förderung des politischen Denkens und Diskurses verschreibt, noch von der Stiftung noch vom Senat.

Es ist uns wichtig zu betonen, dass unser Protest nicht nur gegen Judt, sondern vor allem an die Entscheidungsträger gerichtet ist. Erst durch unseren Brief wurden die Medien hellhörig und brachten kritische Punkte ins Gespräch - die Jurybegründung schweigt darüber bedeutungsschwer.

Der gelungene Beitrag der Zeitung zeigt deutlich, wie die Verteidigung der Juryentscheidung dem narzisstischen Preisträger überlassen wird.

Die Institutionen, die sich weiterhin bedeckt halten, beweisen auf diese Weise - aus Angst vor unseren Argumenten? - mangelhafte Fähigkeit zur offenen ausgewogenen politischen Diskussion. Sowohl die Preisverleihung als auch eine Diskussion wurden auf die Schabbatzeit angesetzt, also die Zeit vom Freitag- bis zum Samstagabend, was automatisch Jüdinnen und Juden von der Teilnahme ausschließt.

Wenn wir selbst nicht aktiv geworden wären, wüsste vielleicht keiner mehr, dass daran etwas nicht stimmt. Wie schön, dass es Zeitungen gibt.

ELVIRA NOA UND DR. GRIGORI PANTIJELEW,
JÜDISCHE GEMEINDE BREMEN


13. Am 4.12.2007 bekam ich die Grußrede der zweiten Bürgermeisterin der Stadt Bremen Karoline Linnert bei der Preisverleihung. Darin geht sie unter anderem auch auf den Protest der Jüdischen Gemeinde ein. Im Begleitbrief berichtete deren Referentin, dass Frau Linnert darüberhinaus noch einige Gedanken über unerschrockene, mutige und unbequeme Meinungen, die dadurch nicht unbedingt immer richtig seien. In dem Zusammenhang bezeichnete Frau Linnert es als wichtig, die Auseinandersetzungen über Meinungen ohne Starrsinn zuzulassen, die Bereitschaft sich dem Austausch zu stellen und dazu zu lernen. So könne aus dem Dialog etwas Fruchtbares entstehen.

(Als eine Bemerkung möchte ich hier ergänzen, dass es inzwischen zu einem klärenden Gespräch zwischen dem Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen und Karoline Linnert gekommen ist. Vorbildlich!)

14. In der "Jüdischen Zeitung" (Dezember-Heft 2007) hat Frank König im Artikel "Lob und Tadel" verschiedene Stimmen beschrieben, u.a. auch aus dem Protestbrief zitiert sowie eine Reaktion der Vorsitzenden der Jury, Antonia Grunenberg, wiedergegeben. Sie

ist empört über "einen derartigen Brief", der völlig unsachlich "gegen eine einzelne Person, nämlich gegen Tony Judt, in diffamierender Weise vorgeht und damit gerade eine Art der Kritik öffentlich praktiziert, gegen die Hannah Arendt zeitlebens energisch protestierte".


15. Am 2.1.2008 habe ich den Text des Radiobeitrags von Wolfgang Stenke bekommen, der am 29.11.2007 im WDR und NDR gesendet wurde. In der Einführung wird zuerst die bekannte Unwahrheit weiter verbreitet: Angeblich wurde Judts Vortrag im polnischen Konsulat in New York durch die Einmischung des jüdischen Lobby verhindert - in Wahrheit durch die Entscheidung des Konsulats angesichts der bilateralen Beziehungen zwischen Polen und Israel. Weiter - im Besitz des Protestbriefs der Jüdischen Gemeinde - wird die Unwahrheit verbreitet, am Samstag finde eine Diskussion Judts mit seinen Kritikern statt.

Im weiteren Verlauf wird Tony Judt selbst dazu befragt. Seine Antwort:

Clearly, they have only read one article I’ve written (...) and so they are not in a good position to make judgements, it seems to me. (...) I lived in Israel many years ago. Maybe I know a little more about the Middle East than some of the people in the Bremen Jewish Community and I really feel that it’s a pity that they should set themselves up as official authorities on who can and who can not speak about Israel.

The tragedy is that a uniquely jewish state is becoming increasingly impossible, because there will soon be a majority of Arabs in the territory governed by Israel. A 2-state-solution would still be in my view the best outcome, but I don’t see it happening in any way which will be acceptable to both sides. And this, I think, is a truth which is very unwelcome to many of my critics.


Judt, wie wir ihn kennen: Unterstellungen und persönlich gefärbte Argumente, völlig losgelöst von der Realität, wenn es um die Politik geht.
Stenke schliesst sich Judt an:
Den Protest der Jüdischen Gemeinde Bremen gegen die Wahl der Jury sieht Judt als Versuch der Zensur.

Das tut Judt immer, wenn er sich mit Kritik konfrontiert sieht. (Das kann man bei Leon Wieseltier nachlesen, verlinkt bei "Sendungsbewusstsein".)
Noch deutlicher ist die weitere Parteinahme des Autors:

Die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde Bremen bleiben bei solchen Verdikten nicht stehen. In ihrem offenen Brief wird die Arbeit von Tony Judt pauschal diskreditiert, sein jüngstes Europa-Buch als Ansammlung „vieler Geschichtchen“ verworfen, ohne – Zitat – „ein System bzw. eine Vision der Geschichte“. Als Basis dieses Urteils bemüht man den Pressedienst „Perlentaucher“, auch wenn der – mit Ausnahme einer Buchkritik der „Neuen Zürcher Zeitung“ - durchweg anerkennde Stimmen zu Judts Studie nachweist. Solch manipulativer Umgang mit publizistischen Quellen paßt zur Etikettierung eines renommierten Gelehrten [...]

Stenke fragte mich in einem Telefonat, warum denn das Buch von Judt von uns so negativ bewertet werde, und bekam von mir eine Empfehlung, auf einem einfachen Wege Kritiken durchzulesen, weil sie eben beim Perlentaucher.de aufgelistet wurden. Wäre er diesem Rat gefolgt, hätte er zitieren müssen:

Er rekonstruiert Zusammenhänge, liefert aber keine große Theorie ... Spezialisten werden wenig Neues erfahren (und an manchem Detail etwas auszusetzen haben), aber das würde die gelungene Synopse und ein faszinierendes Narrativ verkennen, das an Ironie und Sarkasmus nicht spart und wohldosiert Anekdoten und Reiseeindrücke einfügt ... [Claus Leggewie,"Die Zeit" vom 28.9.2006]

Radikale Pluralität hingegen statt der "großen Erzählungen", das ist das Signum der Postmoderne. Deren Kind ist so gesehen auch dieses Buch, im Hinblick auf die Geschichtsschreibung ebenso wie auf ihren Gegenstand. ... Diese These ist wie das gesamte Buch weniger stringent und systematisch oder in klaren Kategorien herausgearbeitet als vielmehr rhapsodisch und durchaus eklektisch argumentiert, auch nicht ohne Widersprüche und Einseitigkeiten. [Andreas Rödder, FAZ vom 4.10.2006]

Fazit: Ein langes Buch mit viel Inhalt, aber ohne grosse These, ohne Zusammenhalt. [Ute Frevert, NZZ vom 2.10.2006]

Tony Judts Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart gehorcht keiner Großtheorie. Auch ein überwölbendes Motiv hat sie nicht; sie mäandert durch eine Vielzahl disparater Themen ... [Christoph Boyer, sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 {15.05.2007}


Auch die lobenden Rezensionen sind sich also einig im Bezug auf die zwei Kritikpunkte, die im Protestbrief erwähnt werden. Der Leser kann selbständig beurteilen, wer hier manipuliert... Stenke weiter:

Fazit: Mit seinem „offenen Brief“ hat der Vorstand der Bremer Gemeinde sich vergaloppiert . Er hat jedes Recht, Judts Thesen der Kritik zu unterziehen – auch einer polemischen. Doch der Versuch, einem international geachteten Historiker die wissenschaftliche Reputation abzusprechen, wird von dieser Lizenz zur Kritik nicht gedeckt.

Das wird langsam langweilig. Die Reputation von Judt ist längst problematisch - grundsätzlich seitdem er über das Thema Israel angefangen hat zu publizieren, und zwar in unwissenschaftlicher Art und Weise, mit der nachgewiesenen Verdrehung von Zitaten (siehe die Reihe der Postings im Blog "Sendungsbewusstsein") und insbesondere nachdem er anschliessend seine Unfahigkeit gezeigt hat, mit Kritik umzugehen. Er darf seine "Israelkritik" genauso aussprechen wie jede andere private Person, die darüber nicht schweigen kann. Je mehr er das tut, desto weniger bleibt von seiner Reputation. So einfach ist das! Wem das alles noch zu wenig ist, kann sich noch eine kleine Auswahl von englischsprachigen Texten zum Thema Judt antun - von Sol Stern bei "FrontPage Magazine", von Adam Kirsch bei "New York Sun", von Rick Richman bei "Jewish Current Issues".
Genauso wenig übrig bleibt von der Reputation des Preises und seiner Jury. Wann merkt das die Heinrich-Böll-Stiftung? Wann kommen Schlussfolgerungen?

23. Januar 2008

Zwei Ansprachen

Seit Jahren trifft sich im Bremer Rathaus ein Kreis mit dem wunderbaren Namen "Religionen beten für den Frieden". Ich kommentiere hier weder die Idee noch die Ausführung. Nach der neuesten Veranstaltung dieser Runde, mit vollem Saal, wurde ich gefragt, ob ich meine Ansprachen, die ich dort gehalten habe, veröffentlichen mag. Ich stelle hier die zwei letzten online.

Ansprache am 21.1.2007. Bremen. Obere Rathaushalle. Hebräisch ausgesprochene Stellen bringe ich hier nur in der deutschen Übersetzung, meist von Martin Buber.

Auf den Schönheitswettbewerben und in der Friedensbewegung ist es üblich, sich über den Weltfrieden Gedanken zu machen. Ich möchte bescheidener, mit der Stadt Bremen anfangen. Seit Sommer 2006, als infolge einer kriegerischen Auseinandersetzung im Nahen Osten nicht weniger als vier Demonstrationen durch diese Stadt zogen und dabei nicht ganz gewaltfrei und nicht ganz judenfreundlich sich zeigten, haben wir - durch Medien und Politiker der Stadt - unseren Willen zum Dialog bekundet. Wir haben Vertreter der palästinensischen und libanesichen Gemeinschaften zu einem Gespräch eingeladen. Es geht uns um Frieden in dieser Stadt, hier, wo wir wohnen. Können wir das erreichen?

Papst Benedikt der XVI. hat vor einem Monat geschrieben: "Frieden kann nur dann entstehen, wenn er das gemeinsame Bestreben von Juden, Christen und Muslimen ist, das ausgedrückt wird in einem wahren interreligiösen Dialog und konkreten Gesten der Versöhnung. Alle Gläubigen sind aufgefordert zu zeigen, daß nicht Haß und Gewalt, sondern gegenseitiges Verstehen und friedliche Zusammenarbeit die Tür öffnen werden zu jener Zukunft der Gerechtigkeit und des Friedens, die Gottes Verheißung und Geschenk ist." Der Papst erwähnt hier die drei großen Weltreligionen. Es ist schön, dass das Spektrum der in diesem Saal vertretenen Religionen viel breiter ist. Der Papst fordert zu konkreten Gesten der Versöhnung auf. Die Erfahrung lehrt, es kommt dabei oft dazu, dass man konkrete Gesten von den anderen erwartet. Auch hier würde ich eine andere Intention einbringen - vielleicht möge jeder bei sich selbst anfangen. Wie Rabbiner Mendel sagte: "Wenn Du Deinen Gefährten einen Fehler begehen siehst, dann beschuldige ihn nicht, sondern denk Dir: 'Nach welchen Ausreden würde ich suchen, um mich an seiner Stelle zu rechtfertigen.' Diese Rechtfertigung sollst Du auch für ihn suchen und Dich bemühen, ihn zu entschuldigen. Und so ist die Schrift zu verstehen: "Sei liebend zu deinem Nächsten wie du möchtest, dass der Nächste liebend ist zu dir". Können wir das?

Können wir zu einem Dialog kommen, der als solcher, als die Tatsache eines Dialogs schon von Respekt voreinander zeugt und Frieden bereitet, wie noch eine Rabbinergeschichte zu erzählen vermag? "Einst fuhr Rabbi David mit seinem Schüler Jizchak (...) zu einem Ort, wohin er zu kommen gebeten worden war, um zwischen den beiden Gegnern eines langjährigen Streits Frieden zu stiften. Am Shabbat betete er vor der Lade. Die beiden Gegner waren anwesend. Nach Shabbatausgang hieß er den Wagen zur Rückfahrt anspannen. "Der Rabbi hat doch noch nicht durchgeführt," bemerkte der Schüler, "um wessentwillen er hierhergekommen ist." "Du irrst dich," sagte Rabbi David. "Als ich im Gebet gesprochen hatte:
'Der Frieden in seinen Himmelshöhen stiftet, er stifte den Frieden für uns', da war der Frieden geschlossen." Und so war es in der Tat."


Ansprache am 20.1.2008
Die jüdische Gemeinde schließt sich dieser heutigen Veranstaltung gerne an - aus Respekt und in großer Wertschätzung der jahrzehntelangen Tradition des Bremer Rathauses. Wir danken Herrn Bürgermeister Böhrnsen herzlich dafür, dass auch er sich für diese Tradition einsetzt.

Dazu möchte ich Ihnen eine alte Geschichte vortragen.

In der Stunde, als Mose von dem Ewigen hinabgestiegen war, kam der Widersacher und sagte vor Ihm: „Herr der Welt, wo ist sie, die Weisung?“ [Gemeint ist die Tora.] Der Ewige sprach zu ihm: „Ich habe sie zur Erde gegeben.“ Da ging der Satan zur Erde und fragte sie: „Wo ist sie, die Weisung?“ Sie sagte zu ihm: „Gott kennt ihren Weg.“ Er ging zum Meer, da sagte es zu ihm: „Nirgends bei mir.“ Er ging zum Urwirbel, der sagte zu ihm: „In mir ist sie nicht.“ Man kann Barren nicht für sie geben, ihren Preis nicht in Silber wägen, mit Gold und Glas kann man sie nicht bewerten. Vor alles Lebendigen Augen ist sie verhohlen, noch vor dem Vogel des Himmels versteckt. Die Verlorenheit und der Tod sprachen: „Mit unsern Ohren hörten wir ein Hörensagen von ihr.“

Der Satan kam zurück und sagte vor dem Ewigen: „Herr der Welt, ich habe die ganze Welt durchsucht und habe die Weisung nicht gefunden.“ Der Ewige sprach zu ihm: „Geh zum Sohn Amrams!“ Der Widersacher ging zu Mose und sagte zu ihm: „Wo ist sie, die Weisung, die dir der Ewige gegeben hat?“ Mose antwortete: „Was bin ich denn schon, dass mir der Ewige die Weisung gegeben hätte?“
Der Ewige sprach zu Mose: „Mose, bist du ein Lügner?“ Mose entgegnete: „Herr der Welt, du hast eine verborgene Kostbarkeit, an der du dich alle Tage vergnügst. Ich aber, soll ich es mir selber als Verdienst anrechnen?“ Der Ewige sprach zu Mose: „Da du dich selber so gering gemacht hast, soll sie nach deinem Namen genannt werden.“ Denn es heißt: „Gedenket der Weisung Moses meines Knechts, die ich ihm am Choreb für Israel allsamt entbot, Gesetze und Rechtsgeheiße.“

Abschließen möchte ich mit einer Einladung: "Denn mein Haus ist ein Haus für alle Völker", sagt der Prophet Jesaia. Es steht als Überschrift über dem Portal der Synagoge. Sie sind alle herzlich eingeladen, an unseren Gebeten für Frieden in unserer Synagoge teilzunehmen.

4. Januar 2008

George Steiner und seine ungeschriebenen Bücher

Das Buch heißt "Meine ungeschriebenen Bücher". Wie alles von George Steiner, lesenswert. Provozierend zum Mitdenken - und auch zum Schreiben. Den folgenden Text hat die "Jüdische Zeitung" Januar 2008 gedruckt.

Sind wir nicht alle ein bisschen jüdisch?

Dem glücklichen Zufall verdankt der deutsche Leser das bittere Glück, die (übrigens vorzügliche!) Übersetzung vier Monate früher in die Hände zu bekommen: Das englische Original der „Ungeschriebenen Bücher“ von George Steiner erscheint erst im Januar. Jorge Luis Borges wäre neidisch gewesen.

Das vierte von sieben Essays heißt Zion und verdient wohl einen besonderen Platz in der jüdischen antizionistischen Literatur. Tony Judt oder Rolf Verleger können sich warm anziehen: Vom brillanten Literaten, universalen Kenner der Weltkultur, der Generationen zum Nachdenken bewegt hat, hätte auch keiner etwas Minderwertiges erwartet. Steiner beherrscht das Material glänzend, er führt das Jüdische im Menschen sehr plastisch vor und ist selbstreflexiv genug, um seine Ablehnung des realen Staates Israel zu hinterfragen:

„Es kann sein, dass die Shoa meine Überzeugung ad absurdum geführt hat. Doch ich wiederhole: Lasst uns überleben, wenn überhaupt, als Gäste unter den Menschen, als Gäste des Seins selbst.“

So bewundert er einerseits die mehrtausendjährige Tradition „talmudischer Exegese und der tertiären Hermeneutik“. Seine Freude ist überschäumend, wenn er den witzigen Aphorismus zitiert: “Ein Jude ist ein Mensch, der beim Lesen einen Bleistift umklammert, weil er darauf aus ist, ein besseres Buch zu schreiben“. Hier und weiter schreibt er einem Juden seine Lieblingseigenschaften zu, teils an sich beobachtet, teils an den anderen bewundert. So zeichnet er das Portrait eines Wanderers wie er, eines ruhelosen Skeptikers wie er, eines Überlebenswunders wie er, eines Geschichtenerzählers und Sprachkünstlers wie er.

Nebenbei, beinahe beiläufig erklärt er die Parabel Kafkas „Vor dem Gesetz“ - „vielleicht das einzige wahre Addendum, mit dem die säkulare Literatur die Thora bereichert hat“. Es bleibt diesen Satz nur vom Kopf auf die Füße zu stellen: Im Kontext der talmudischen Türhüter-Geschichte sieht man den Menschen, der sich zu dem Sinn seiner Existenz durchringt oder eben nicht. Bereicherung? Kafkas Gleichnis ist eher eine Negierung. Nach Steiner wird der Jude „gehasst, nicht weil er Gott ermordet, sondern weil er ihn erfunden und geschaffen hat.“ So folgt Steiner durchaus Kafka, der bekanntlich schrieb: „Eher hassen wir uns selbst, weil wir noch nicht des Gesetzes gewürdigt werden können.“ Zwischen Heine und Th. Lessing fiebert diese Unruhe durch. Es ist eine christliche Aburteilung der jüdischen Lehre, der Blick eines gründlich getauften Juden. Steiner setzt es fort, im dichten Netz von Metaphern und Zuschreibungen, die nicht dem Kern des Judentums entspringen, sondern von der Sprache der Philo- und Antisemiten geprägt sind. Er führt Montaigne und Proust als „Halbjuden“ ein und wundert sich über den „Außenseiter“ Darwin. New York ist für ihn „die Hauptstadt des Judentums“. Seitenlang träumt er von dem „Begriff eines jüdischen Genpools“.

Doch es geht noch besser: „Die jüdischen Vertrautheiten mit Geld sind in gewissem Sinne instinktiv gewesen“. Auch heute stehe „ein bedeutender Prozentsatz des globalen Finanzwesens unter jüdischer Verwaltung“. Sogar „im postkommunistischen Russland ist ein so großer Teil der Räuberbarone, der milliardenschweren Unternehmer aus einer lange Zeit verachteten, verfolgten Minderheit plötzlich herausgetreten.“ Doch auch dies ist noch nicht der Weisheit letzter Sch(l)uss: „Jüdische Abgesondertheit führte zu Argwohn und Schlimmerem“ und hat „den Nichtjuden entnervt und erbittert.“ Und am meisten stört es den „Luftmenschen“, dass der Staat Israel „Juden zu gewöhnlichen Menschen gemacht“ habe.

Steiner merkt, dass seine Äußerungen ungeheuer sind, und entschuldigt sich dafür, dennoch sein Text gipfelt in der „Rechtfertigung der Diaspora“. Er ist ein Gefangener seiner Sprache und sie führt ihn in ihrer Logik an dem lebendigen Menschen vorbei ins Reich des Geistes. Angesichts der Shoa-Erfahrung und Angst, wieder vernichtet zu werden, wählt er wie Sabbatai Zewi den Weg des Lossagens aus. Ist er aus Menschlichkeit bereit, Menschen sterben zu lassen? Er spricht dies nicht aus, das ist nur die Konsequenz seiner Logik, die ihm verschlossen bleibt. Wie auch die anderen „guten Juden“, baut er dem Juden an und für sich ein übergroßes Piedestal auf und schickt ihn ins Himmelreich, versehen mit dem Schild – für die Erde nicht zugelassen. Am Ende beteuert Steiner, warum er das Buch über Zion nicht geschrieben habe: „Mir fehlte dafür die Klarheit des Blicks“. So ziemlich.

14. Dezember 2007

Russische Juden in Deutschland

Die Jüdische Allgemeine Zeitung hat meine Meinung zum Thema "Müssen die offiziellen Vertreter jüdischer Gemeinden deutsch sprechen?" erfragt. Ich habe darauf positiv geantwortet. Gestern erschien dieser Text als meine Antwort auf die Frage: "Müssen Gemeindefunktionäre zwingend Deutsch sprechen?"

Selbstverständlich soll in den jüdischen Gemeinden hierzulande Deutsch gepflegt werden. Oder hätten wir in den vergangenen Jahren den deutschsprachigen Mitgliedern Russischkurse anbieten sollen?

Die russische Sprache wird vor allem von Senioren der Gemeinde weitergetragen. Die mittlere Generation kommt im Arbeitsleben ohne Deutsch nicht aus, Kinder und Jugendliche wuchsen meist schon in Deutschland auf. Sie sind heute kaum in der Lage, Russisch zu lesen und zu schreiben, und wenn sie ihr ungelenkes Russisch sprechen, dann im unsicheren Zwiespalt zwischen Familie und Außenwelt.

Auch wenn es unter älteren Menschen solche gibt, die die Sprachschwelle erfolgreich überwinden, so bleiben sie doch eher in der Minderheit. Die meisten konsumieren fast ausschließlich russisches Fernsehen sowie russische Zeitungen, sie kommunizieren in einer eigenen, zunehmend engeren Welt. Sie beklagen sich oft über den fehlenden Respekt seitens der Jugendlichen und definieren sich weiterhin über ihre Vergangenheit. Denken diese Nostalgiker an die Zukunft der Gemeinde? Ist es für sie in Ordnung, wenn sich eine jüdische Gemeinde in einen postsowjetischen Seniorenklub verwandelt? Welche Kultur leben sie den Jugendlichen vor?

Außerdem ist eine jüdische Gemeinde Teil des jeweiligen Stadtlebens und kann sich nur in ständiger Kontaktpflege mit allen Institutionen der Stadt behaupten. Alle offiziellen Repräsentanten müssen Interessen der Gemeinde wahren. Im Duktus Wladimir Kaminers kommen sie nicht sehr weit.

Wo liegt der wünschenswerte - und praktikable - Mittelweg? Es ist notwendig, alle Mitglieder in die Gemeinde zu holen und willkommen zu heißen. Mit verschiedenen Kulturprogrammen, Klubs und Vereinigungen bekommen russischsprachige Senioren die Chance, sich zusammenzutun, um unter anderem aus der Einsamkeit ihrer Sprachlosigkeit herauszufinden. Wenn sie sich aber nur einigeln, anstatt in der Stadt Kontakte zu knüpfen, dann war das alles umsonst. Darüber hinaus kann es sogar passieren, dass einige besonders eifrige Veteranen sich zur Mehrheit erklären und die Umstellung der Amtsführung und des Papierverkehrs auf Russisch verlangen, weil sie sich selbst für den Nabel der Gemeinde halten.

Wie lässt sich das vermeiden? Etwa so: zweisprachig nach innen, deutschsprachig nach außen. Innerhalb der Gemeinde sollte man alle Veranstaltungen, alle Verlautbarungen zweisprachig führen und dabei penibel auf das Gleichgewicht achten, denn sonst fühlen sich deutschsprachige Mitglieder sehr schnell vergrault. Im Kontakt mit anderen Gemeinschaften und Institutionen der Stadt muss man offen und diskussionsfähig sein - und lernen, anstatt sich dauernd zu schämen. Unter anderem von den eigenen Kindern und Enkelkindern, wie man sich erfolgreich integriert. Die jüngsten von ihnen schaffen es schnell und überwiegend vorbildlich. Ob sie auch als Erwachsene zur jüdischen Gemeinde gehören werden?

Um alle drei Generationen nicht aus den Augen zu verlieren, haben die Gemeindevorstände die folgenden unabdingbaren Aufgaben:
1.) Behutsames Anspornen der Älteren, damit sie sich nicht in sich verschließen.
2.) Aktive Verpflichtung der mittleren Generation, die ihren Kindern die Integration nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch in der jüdischen Gemeinde vorleben müssen.
3.) Freudvolles Einbeziehen der Jugendlichen und Kinder in den jüdischen Unterricht und die Weitergabe der jüdischen Tradition, allerdings nicht durch alberne Shows, die vom Fernsehen abgeguckt sind, oder Paraden, kopiert aus militarisierten Ferienlagern, sondern durch Lesen, Diskutieren, Lernen - damit sie "a kluger Kopf" werden. Hinaus aus dem sprachlichen Ghetto, hinein ins Leben!

7. Dezember 2007

Der Reichsorchesterfilm

Ende Oktober fand in der Galerie Katrin Rabus in Bremen eine Tagung statt. Das Thema war "Musik und Film" oder so ähnlich. Da in der Presse eine Premiere eines anspruchsvollen Films über die Geschichte der Berliner Philharmoniker angekündigt wurde, ging ich hin. Nach der Filmvorführung wurde diskutiert, mit der Beteiligung des Autors, der Enrique Sánchez Lansch heißt. Der Film "Das Reichsorchester" wurde etwas zu viel für meinen Geschmack gelobt. Der Film plus diese Lobhudelei haben mich zu dem folgenden Text veranlasst, den die "Jüdische Zeitung" freundlicherweise im Dezember-Heft 2007 gedruckt hat:

Vergangenheitsbewältigung mit Gefühl

Man stelle sich vor: Eine Institution wird auf einmal mit ihrer Naziverstrickung konfrontiert. Da es sich hier um mehr als nur um einzelne Personen handelt, stellt sich die Frage: Wie geht man vor?

Die Berliner Philharmoniker sind in der Gegenwart angekommen, anscheinend durch ein Buch des kanadischen Autors Misha Aster, in dem er die bittere Realität des gesamten Mitläufer-Orchesters beschreibt. Wie kann man diesen nie getilgten Konformismus in der eigenen Geschichte verarbeiten?

Richtig: Man holt einen hauseigenen Regisseur und bestellt einen Film, der die Fakten nach dem Prinzip einerseits-andererseits versöhnlich arrangiert. Dann ist man eben einerseits mit der eigenen schlimmen Vergangenheit konfrontiert (in einer delegierten Form zwar, aber wer wird das schon laut sagen!), andererseits reift beim geneigten Zuschauer eine entlastende Erkenntnis heran: Das war wohl gar nicht so schlimm, denn es war ja nur menschlich, allzumenschlich, oder wie man so schön journalistisch schreiben kann – teils verständlich. Das Thema wird auf diese Weise an das Publikum delegiert.

Wie macht man das? Ganz einfach, nämlich emotional. Ins Zentrum werden zwei ehemalige Musiker des Orchesters geholt, beide wunderbar nett, warm, herzlich. Der eine sagt, das Orchester sei kein Nazikörper gewesen, der andere sagt, es sei ihm schon peinlich gewesen, mit dem Geigenkasten durch die zerbombte Stadt zu laufen, während andere Männer eingezogen waren. Der eine sagt in etwa, „uns hat die Liebe zur Musik geeinigt“, der andere, „man hat uns ausgenutzt“. Der eine erinnert sich, dass man mit den wenigen, aber bitte wirklich wenigen Nazis im Orchester kaum gesprochen habe, der andere erinnert sich, wie Juden aus dem Orchester entfernt wurden. So geht das weiter, und durch die schonungsvolle Montage erfährt der Blick, auf wessen Seite der Autor steht, insbesondere als am Ende des Streifens der groß und langsam gezeigte zweite Musiker keine Worte mehr findet, während er durch die Ersatzräume für die ruinierte Philharmonie geführt wird.

Unterm Strich: Bilder und Worte der zwei Zeitzeugen sind kostbar, sie sind ein Dokument für sich. Bestünde der Film nur daraus, sähe ich mich im weiteren nicht gezwungen, kritisch zu werden.

Es gibt im Film viel Musik. Fast alles längst bekannt und jedem zugänglich. Zwei seit langem allzubekannte Dokuaufnahmen aus dem Jahr 1942 werden klein gehackt und mehr als nur mehrfach verwendet, als wären sie die zahlreichen verschiedenen Quellen. Einmal spielt Furtwängler mit dem Orchester den Schluss der Neunten Beethovens am Vorabend von Hitlers Geburtstags vor den erstarrten Nazis. Ein andermal bringen dieselben das Meistersinger-Vorspiel Wagners an die gerührte Volksgemeinschaft. Erstens werden diese Schnitte ausschließlich als Bilder genommen und vervielfältigt. Die Wirkung der Musik bleibt unausgesprochen. Warum ist das Tempo im ersten Fall einmalig rasend, so dass sich die Utopie der Menschenverbrüderung in die Antiutopie umkehrt? Warum wirkt die zweite Interpretation so stinklangweilig? Der Film weiß das nicht, merkt das nicht, weiß mit dem Widerspruch zwischen Bild und Musik nicht umzugehen.

Zweitens übernimmt der Autor diese Bilder, ohne sich Gedanken zu machen, dass sie ein Produkt der Nazipropaganda sind. Im ersten Fall ein begeisterter Goebbels gegen einen verrückt um sich herum schlagenden Furtwängler – der Obernazi als Oberkunstkenner. Im zweiten Fall unzählige ausdrucksstarke Gesichter aus dem Volke – die Kunst hilft die schwere Zeit durchzustehen („nie kapitulieren“ usw.). Furtwängler bleibt auch hier mit seinem unverständlichen Wuchten ein Störfaktor.

Drittens werden, wie gesagt, kleinste Fragmente dieser beiden Aufnahmen immer wieder kommentarlos zitiert. Sie begleiten die Erzählung des Films in seiner Chronologie, als wären sie authentisch in ihrer Zeitfolge. Sie suggerieren eine Realitätsnähe, ohne diese zu besitzen. Sie dienen als Bild für die Jahre 1943, 1944, sogar 1945, obwohl sie nur für das Jahr 1942 stehen dürften.

Am Rande sei noch bemerkt, dass der eingeführte Ausschnitt mit Erich Kleiber kaum für die geschilderte Zeit stehen kann oder wenigstens eines Kommentars bedürfte, und zwar warum dieser Dirigent Nazideutschland verlassen musste. Unverständlich bleibt auch das Fehlen des „Herrn K.“, wie Furtwängler Karajan titulierte. Dieser wird im Film erst für die Nachkriegszeit erwähnt und auf diese Weise behutsam aus der Schusslinie genommen.

Am schlimmsten empfinde ich aber den Umgang mit der Bilderästhetik der Nazizeit. Der Autor übernimmt kommentarlos Fragmente aus den inszenierten Fresken Riefenstahls sowie aus zahlreichen Propagandafilmchen. Nur die Darstellung Hitlers wird an einer Stelle verfremdet, alles andere - eins zu eins wiedergegeben. Nur einmal setzt der Autor Bilder der Ruinen und Explosionen zu den herzergreifend pathetischen Gesichtern der Furtwängler-Zuhörer dazu. Dieser lockere Umgang mit dem Material ist unsystematisch für sich – weder ein strenger Dokumentarfilm noch ein betonter Autorenfilm. So entsteht eine Manipulation, die sich hinter fremdem Material versteckt oder es für sich ausnutzt, nach Belieben: einmal so, einmal andersherum.

Im Grunde sehe ich darin eine merkwürdige Tradition, die von Riefenstahl über Guido Knopp zu diesem Film führt – es geht mir hier um die Methode, eine Realität zu suggerieren, ohne dass der Zuschauer sicher sein kann, ob er die Wahrheit erfährt: Emotionale Bilderfolge mit der bewegenden Musik im Hintergrund; Zeitzeugen ohne Zahl; die Montage nach ästhetischem Prinzip, wo die Fakten weniger wichtig sind. Wenn dem aber so ist, dann soll man sich fragen, was diese Bilder sagen.

Beispielhaft finde ich in diesem Sinne eine Auslassung. Am Ende der ersten erwähnten Dokuaufnahme schüttelt Goebbels die Hand Furtwänglers. Acht Sekunden später verlegt dieser sein Taschentuch in die rechte Hand. Im Film „Taking sides“ schneidet István Szabó die Sekunden dazwischen heraus und macht daraus eine winzig kleine, wenn auch absolut unrealistische Protestgeste. Enrique Sánchez Lansch lässt die Szene komplett aus, nutzt sie nicht. Mit einem knappen Satz erwähnt der Film, dass Furtwängler das Orchester seit Februar 1945 nicht mehr dirigiert und in Österreich ist, später in der Schweiz. Weder die Hintergründe dieser Flucht noch das große Warum werden beleuchtet, nicht einmal angesprochen. Ein Beispiel der anderen Art: Orchestermusiker haben die Ruinen Rotterdams sehen können und seien darüber erschüttert gewesen – das wird hineinerzählt, das Menschliche.

Das große Problem dahinter: Wie erzählt man die wahre tragische Geschichte, ohne dass es weh tut? Die große Frage hätte aber anders gestellt werden müssen – soll man von dieser Prämisse ausgehen?

Die Reaktion in der Presse: Die meisten Zeitungen sehen ihre Aufgabe in der Werbung für den Film und loben dementsprechend endlos. Der „Tagesspiegel“: „teils atemberaubende Filmdokumente“, „präzise und besonnen“. Mein Resümee dagegen: keine neuen Filmdokumente, unpräzise und viel zu besonnen. Die „Welt“: „Den einzigen Satz der Reue sagt der großartige Hellmut Stern, eines der wenigen jüdischen Mitglieder nach dem Krieg: "Ich hab' nie gefragt."“ Ich sehe darin keine Reue, sondern die Feststellung: Es war unmöglich, danach zu fragen. Oder müssen es immer wieder die Juden sein, die Fragen stellen? Und weiter: „Dieser Film, erschütternd kleinlaut und konkret, sagt über Vergangenheitsbewältigung in Deutschland mehr aus als Geschichtsstunden.“ Im gewissen Sinne, ja - nur anders, als die Zeitung meint. Wenn „von damals vor allem Gefühle übrig geblieben sind. Nämlich unsere eigenen.“ – Dann stimmt etwas mit dieser Bewältigung nicht, dann wurde sie viel zu viel solchen Meistern der Gefühle überlassen wie Martin Walser.

Mehr Fakten, Klarheit und Position wären besser. Ehrlicher. Auch wenn es dem einen oder dem anderen, möglicherweise sogar sehr vielen wehtun würde. Ohne Schmerz kann man nämlich nichts bewältigen. Das gibt es nicht.

29. November 2007

Tony Judt wollte schon immer Hannah Arendt heissen

Tony Judt bekommt den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat die Öffentlichkeit darüber am 9.11.2007 informiert. Der Preis wird am 30.11.2007 in der Oberen Rathaushalle der Stadt Bremen durch die zweite Bürgermeisterin Karoline Linnert verliehen. Die Jury war sich offensichtlich einig. Dazu gehören (Link):

Prof. Antonia Grunenberg (Oldenburg/Berlin), Dr. Willfried Maier, (Hamburg), Dr. Otto Kallscheuer (Berlin/Sassari), Prof. Zdzilslaw Krasnodebski (Bremen/Polen), Zoltan Szankay (Bremen), Prof. Tine Stein (Berlin), Prof. Simona Forti (Turin/Italien).

Es gab keine Proteste, keine Differenzen, die die Öffentlichkeit erreichen würden, weder innerhalb der Jury noch im Hannah-Arendt-Verein bzw. in der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen (immerhin 22 Mitglieder). So musste die Jüdische Gemeinde Bremen allein agieren. Elvira Noa und ich haben einen Offenen Brief geschrieben, der hier komplett veröffentlicht wird. In einem weiteren Beitrag werde ich Reaktionen darauf analysieren. Vorerst aber folgt der Text selbst, der am 21.11.2007 nach mehreren Tagen der Wartezeit öffentlich gemacht wurde:


Offener Brief
An die Hannah-Arendt-Jury, die Heinrich-Böll-Stiftung, den Bremer Senat anlässlich der Hanna-Arendt-Preisverleihung 2007

Es ist bekannt, dass die Sprache dem Menschen gegeben wurde, um seine Gedanken zu verbergen. Wir haben noch nie von einer Deutschlandkritik oder Frankreichkritik gehört, von der Israelkritik lesen wir aber täglich. Wenn einer - Jahr ein Jahr aus - sagt: Israel sei „umstritten“, „gehasst“, „ein Besatzer und Kolonialist“, „eine strategische Belastung“, „ein politischer Anachronismus“ etc., stellt sich die Frage, was das soll?

Wir würden sagen, das ist keine Kritik an einer Regierung, sondern eine antiisraelische Haltung. Man kann sich vorstellen, dass eine Gruppe empörter oder unzufriedener Bürger eines Landes in etwa eine solche Position annehmen könnte, aus Patriotismus oder andersherum. Wenn aber ein Außenstehender so etwas tut oder, besser gesagt, sehr viele besorgte Menschen nichts anderes tun, als solche antiisraelische Äußerungen in die Welt hinauszuposaunen, dann fragt man sich, welche Gründe es dafür gibt, wo doch alle anderen Staaten bei viel größeren Problemen darüber irgendwie besser wegkommen? Noch pikanter ist es, wenn einer erst durch solche Äußerungen prominent und mit Preisen überschüttet wird.

In der Jurybegründung wird peinlichst genau vermieden, nur ein einziges Wort über Judts Verdienste auf dem Gebiet des palästinensischen ideologischen Kampfes zu verlieren. Als Erbe Edward Saids vertritt er die offizielle palästinensische propagandistische Sicht auf die Geschichte, samt der erfundenen und verdrehten Fakten sowie des antiisraelischen Vokabulars.

Wenn das das politische Denken ist, für welches in Bremen 2007 ein Arendt-Preis verliehen wird, sowie in Wien 2007 ein Kreisky-Preis, dann sollte man das vielleicht auch direkt so sagen?

Judt ist als Historiker bei weitem nicht so anerkannt und gepriesen wie der Israelkritiker Judt. Der Historiker Judt erzählt in seinem Europa-Buch viele Geschichtchen, ohne dass daraus ein System bzw. eine Vision der Geschichte entsteht. Soll das tatsächlich der Grund sein, einen Hannah-Arendt-Preis zu bekommen? Der politische Denker und Essayist Judt ist der Poet eines Themas – Israel ex negatio. Seine Methode ist es, Zitate, die seine Meinung untermauern, zu manipulieren oder schlicht zu erfinden. Sein Programm des binationalen Staates ist, nach treffenden Worten Leon Wieseltiers, „keine Alternative für Israel“, sondern „die Alternative zu Israel.“ Die beiden letzten Aspekte werden in der Jurybegründung mit großem Schamblatt zugedeckt. Für wen ist es kein offenes Geheimnis? Für unsere Politiker, die über Judt erst durch die PR-Kampagne der Süddeutschen Zeitung erfahren haben? Dort gehört er zu der ausgesuchten Gruppe „guter Juden“, die antizionistische Klischees aussprechen, die einem deutschen Autor nach Möllemann schlecht zustehen.

Man würde uns sagen, das sei Demokratie, man solle das Recht des Anderen anerkennen, eine andere Meinung zu äußern. Klar. Wir sprechen der Bundeskanzlerin einen Leo-Baeck-Preis zu, vor allem dafür dass sie das Existenzrecht Israels mit ihrem Engagement sichert. Können wir glauben, dass gerade dem Senat Bremen nicht bewusst ist, dass er einem „guten Juden“ (dessen absurde Vorstellungen, sollten diese verwirklicht werden, Israel und auch die Palästinenser in die sichere Katastrophe führen würden) den Hanna-Arendt-Preis verleiht?

Einerseits ist da jener Preis, benannt nach Leo Baeck, einem Juden, der in Nazideutschland gerade noch überlebt hat, andererseits hier ein Preis, der den Namen Hannah Arendt trägt, einer Jüdin, die aus Nazideutschland gerade noch rechtzeitig fliehen konnte. Will man auf solche Weise ein gutes Gewissen herzaubern, indem man sagt, Hannah Arendt sei eine Kritikerin Israels gewesen – die Preisverleihung an Judt geschehe ihr ganz recht? Wir würden dies als Pietätlosigkeit bezeichnen.

Eventuell könnte die Jury auch die rechtsgerichtete Presse zum Interview mit Tony Judt einladen. Er hat darin Erfahrungen und bedauert es nicht.

Wir sind irritiert. Auch darüber, dass die Preisverleihung an einem Freitag-Abend und die Diskussionsveranstaltung an einem Samstag-Morgen stattfindet. Jüdinnen und Juden, die traditionell den Shabbat begehen, sind also von der Teilnahme ausgeschlossen.

Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen

Elvira Noa, Dr. Grigori Pantijelew

16. Oktober 2007

Lustiger bei dpa

Bei der Zusammenstellung der Eilmeldung über den Tod des Kardinals Lustiger hat die dpa Anfang August etwas zu schnell agiert. Ich musste recherchieren. Den Text wollte nur Hagalil-Seite (Link).

Wie der Nationalsozialismus entdeckt wurde

Mehrere deutsche Zeitungen haben die dpa-Eilmeldung über den Tod des französischen Kardinals Lustiger übernommen, darunter „Die Zeit“ und der „Weser Kurier“.
Im Online-Angebot der „Zeit“ kann man immer noch lesen:

„Während eines Deutschlandaufenthalts im Jahr 1937 entdeckte er den Nationalsozialismus und entschloss sich, zum Katholizismus zu wechseln. Seine Mutter starb 1943 in Auschwitz.“

Er also war es, er hat den NS „entdeckt“ (vielleicht sogar patentiert). Diese Entdeckung brachte ihn dazu, sofort zum Katholizismus überzutreten (eine Selbstverständlichkeit). Seine Mutter war offensichtlich touristisch interessiert, denn sie starb auf einer polnischen Reise.

Mir stellen sich einige Fragen. Wie konnte dieser Text entstehen, die Redaktion in der Agentur frei passieren und von den Zeitungen unkorrigiert übernommen werden? Meine Recherche führte mich über mehrere Stationen. Ich landete bei der dpa in Hamburg. Der verantwortliche Herr bezeichnete im freundlichen Gespräch spontan diese Sätze als „blöd“, bedankte sich für Kritik und versicherte mir, solch ein sprachlicher bzw. stilistischer Fehler ließe sich nachträglich nicht korrigieren. Was macht man dann damit, wollte ich wissen? Man sperrt die unglücklich formulierte Nachricht, die infolgedessen nicht mehr im Angebot erscheint.

Ich ließ mich mit der französischen dpa-Korrespondentin verbinden. Sie war nicht weniger nett und plädierte auf mildernde Umstände. Sie habe maximal 6 Minuten für den achtzeiligen Text zur Verfügung. Zugrunde liege die Meldung aus dem Online-Ticker der französischen Zeitung „Le Figaro“, woraus sie das Verb „decouvrir“ übernommen und mit „entdecken“ übersetzt habe. Sie habe zu Hause am späten Abend keine Quellen zur Hand und müsse unter Druck schreiben: Möglicherweise schaffen es die anderen Agenturen schneller? Man möge das doch verstehen. Schließlich ist die Schnelligkeit in dem Geschäft wichtig. Hat sie den Originaltext abgespeichert? Nein. Auf der Internetseite des „Figaro“ lässt sich nämlich der ursprüngliche Text nicht mehr finden. Aber ich glaube der netten Frau.

Ich recherchiere über die Suchmaschinen, und im Nu bin ich bei einem Wikipedia-Artikel oder bei anderen Quellen, die mich aufklären: Den jüdischen Knaben Aron Lustiger schickten seine Eltern 1936-37 aus Frankreich nach Deutschland zu einem evangelischen Pensionat, er war zu der Zeit 11 Jahre alt. Während dieses Aufenthaltes wurde er mit dem aggressiven Judenhass und seinen Folgen konfrontiert. 1940 konvertierte er als 14-Jähriger gegen den Willen seiner Familie. Seine Mutter wurde zwei Jahre später nach Auschwitz deportiert und starb in Birkenau, was einen qualvollen Tod in einem Vernichtungslager bedeutet.

Kann man einer Journalistin im Dienst zumuten, selbständig in 6 Minuten darauf zu kommen? Sind wir soweit, dass Wikipedia als Quelle valider ist als die dpa?
„Oft ist das Denken schwer,
Indes das Schreiben geht auch ohne es“ (W. Busch).

Sind etwa Arbeitsbedingungen daran schuld?

So wurde also der Nationalsozialismus entdeckt. Soll es unbedingt so lustig mit Lustiger werden?