Während der Krieg gegen Israel vorerst stillgelegt wurde, müssen wir uns dem Schwall „israelkritischer“ Publikationen in den Weg stellen. Dies überlässt die deutsche Presse meist so genannten guten Juden, die das sagen dürfen, was ein Antisemit lieber für sich behält. Federführend ist hierin die Süddeutsche Zeitung, die gar zweimal nacheinander einen prominenten guten Juden vorgestellt hat.
Tony Judt ist ein Historiker. Eine seiner Kernaussagen ist das hochmoralische Verdikt über den „anachronistischen“ Staat Israel: „Vor 1967 mag der Staat Israel winzig und umkämpft gewesen sein, aber in der Regel wurde er nicht gehasst – sicherlich nicht im Westen.“
Eine auf Dokumenten basierende Untersuchung würde zu anderen Schlüssen führen. Nämlich, dass Israel auch vor 1967 einseitig kritisch beäugt wird. 1948-1949: Der Weltsicherheitsrat verurteilt den Angriff der arabischen Länder auf Israel nicht. 1956: Die UN verurteilt das Verhalten Israels im Konflikt Syrien-Israel (1962 noch einmal), genauso in den Konflikten Ägypten-Israel (1955), Jordanien-Israel (1961, 1966). 1960: Die Entführung von Eichmann wird als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingestuft. Noch bedrückender wirken Zahlen der Resolutionen der UN-Generalversammlung zwischen 1947 und 1989: Israel wurde 321 Mal verurteilt, die arabischen Länder kein einziges Mal!
Warum legt Judt die Hass-Schwelle auf 1967 und nicht auf das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft im Jahre 1972 in München? Warum „winzig“, warum „umkämpft“? Schreiben Historiker so?
Judt weiter: „Rückblickend erkennen wir, dass Israels Sieg im Juni 1967 und seine fortwährende Besetzung der eroberten Gebiete zu seiner eigenen Nakba wurden: eine moralische und politische Katastrophe.“ Wir erkennen das nicht und hören eher die Stimme Ephraim Kishons („Wie Israel sich die Sympathien der Welt verscherzte“, 1962, „Pardon wir haben gewonnen“, 1968). Judt erwähnt nicht, dass die im Krieg 1956 eroberten Gebiete 1957 zurückgegeben wurden und Israel dadurch keinen sicheren Frieden gewann.
Er vergleicht Israel mit „einem Besatzer und Kolonialisten“. Die reale Politik, die Konfrontation der Staaten, bei welcher arabische Staaten den Krieg als Mittel der „Umkämpfung“ verwenden, die Notwendigkeit, auf diese Herausforderung zu antworten – auch als „Demokratie und Anständigkeit“ – passt nicht zu seiner Vorstellung einer „moralischen Glaubwürdigkeit“. Für ihn verhält sich Israel „unnormal“, das wird aber gleich zum globalen Urteil der Geschichte.
Emmanuele Ottolenghi wies jüngst auf diesen Zusammenhang hin: „Für Judt ist der moderne europäische Antisemitismus, insofern er existiert, das insgesamt vorhersehbare Resultat des schlechten Verhaltens der Juden (in dem Fall, Israelis). Und so wie die israelischen Juden selbst die Schuld dafür tragen, dass die aufgeklärte Welt sie verurteilt, so können sie ihr Leiden erleichtern, und mit ihnen übrigens auch alle anderen Juden auf der ganzen Welt, die zusammen mit ihnen den schwarzen Brief bekommen haben, und zwar durch ausgleichende Akte der Selbstzerstörung und Reorganisation.“ (Dieses Fragment wurde in der deutschen Übersetzung in der „Welt“ ausgelassen.)
Judt will nicht als „De-facto-Kollaborateur des israelischen Fehlverhaltens“ angesehen werden. Und wenn er doch die Angst hat, mit dem „winzigen“ Land in Verbindung gebracht zu werden, das dazu noch „kaum relevant“ ist, dann ist er sofort bereit, diesen Staat aufzugeben (nach seinen Worten, „etwas Abstand von Israel zu nehmen“). Theodor Lessing hat dies als „jüdischen Selbsthass“ bezeichnet.
Judts Vorschlag eines binationalen Israels war mal eine linke Utopie, die von einigen Zionisten (Martin Buber hat seine Vision anders formuliert als die geistigen Vorbilder Judts - Edward Said und Noam Chomsky) in den 30-40er Jahren formuliert und von der UN bei der Gründung des Staates Israel abgelehnt wurde. Dieser Plan hat sich als nicht verwirklichbar erwiesen, denn er setzt die beiderseitige Bereitschaft zur friedlichen Koexistenz voraus. Das Ansinnen scheiterte an den Positionen der arabischen, insbesondere islamistischen geistigen Führer, deren grundsätzliche Ablehnung 1948 formuliert, noch einmal 1967 bestätigt und bis heute nicht zurückgenommen wurde. Sie lautet: „Arabische Staaten bleiben ihren Hauptprinzipien treu: kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel und Beharren auf den Rechten des palästinensischen Volkes auf ihren eigenen Staat.“ Die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ ist 1964 entstanden, als keine Landflächen von Israel besetzt waren. Der Name bezieht sich auf das gesamte Palästina in seinen Grenzen vor der Gründung Israels. Inzwischen halten sich nicht mehr alle arabischen Staaten an die Khartumer Deklaration, die Arafat- und Abbas-Manifeste wurden seit 1996 mäßiger. Die Hamas-Regierung bleibt aber weiterhin diesen drei „Nein“ treu und zieht jetzt, nach dem berüchtigten „Papier der Gefangenen“, auch Abbas auf ihre Seite zurück. Wer weiß zum Beispiel, dass der Libanon bis heute Israel nicht anerkannt hat?
Judts Vorschlag ist eine pseudomoralische, einseitige Utopie. Zu Ende gedacht ist dieser Vorschlag ein Todesurteil, wie Leon Wieseltier konstatierte: „Ein binationaler Staat ist keine Alternative für Israel. Es ist die Alternative zu Israel.“
Der Student Judt hat die Kibbuz-Begeisterung um sich herum in den Jahren vor 1967 für die weltweite Akzeptanz Israels gehalten. Der Hochschullehrer Judt sieht 2006 aufgrund der unreifen Polemik einiger Studenten seiner Universität das Versagen Israels weltweit als bewiesen. Weil Judt seinen Studenten nicht erklären will oder kann, worin der Unterschied zwischen Francos Spanien und Scharons/Olmerts Israel besteht, soll Israel seine Politik grundsätzlich ändern und sich am besten auflösen. Ist dies die Logik eines Historikers?
Es lässt sich nicht vermeiden, den allzu persönlichen Charakter der Thesen Judts aufzudecken – er spricht vom monolithischen Westen, er erwähnt pauschalisierend „alle anderen“ und konkret die gesamte „nichtkommunistische Linke“, meint aber immer und immer wieder nur sich selbst. Geboren 1948, sollte er eigentlich genauso reif sein wie der Staat, den er so vehement der Unreife beschuldigt. Als Jugendlicher beteiligte er sich an der zionistischen Bewegung und half bei der Immigration britischer Juden nach Israel. Direkt nach dem Krieg 1967 ging er nach Israel und dolmetschte für die Armee. Er träumte von einem sozialistischen Israel und kehrte bald enttäuscht zurück. Man fühlt sich an einen hierzulande bekannten Schriftsteller erinnert, der aus eigenen Empfindungen eine Geschichtsvision und daraus im Umkehrschluss drohende „Moralkeulen“ entstehen ließ.
Judt wurde in seiner eigenen Entwicklung maßgeblich durch den oben erwähnten Professor der komparativen Literaturforschung Edward Said beeinflusst, über den Judt 2004 einen großen Nachruf in tiefster Verehrung schrieb. Judt übernimmt die Ideen und die Argumentation Saids, setzt seine Ideologisierung der neuesten Geschichtsschreibung fort. Said geht es um die palästinensische Beherrschung der Narrative, des Vokabulars. Sein berühmtester Satz ist wie ein Manifest: „Jeder Europäer, der etwas über den Orient sagte, war ein Rassist, ein Imperialist und fast völlig ethnozentrisch“. Begriffe wie „die palästinensische Katastrophe von 1948“, „unseliges Suez-Abenteuer von 1956“, „katastrophale Invasion des Libanon“, Ausdrücke wie „Israel konnte immer noch tun und lassen, was es wollte“, „Instrumentalisierung des Holocausts“ übernimmt Judt aus der palästinensischen Propagandaküche, sie sind Produkte der Palästinenser-Lobby. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum mehrere Artikel des Moralisten Judt seit Jahren übersetzt werden und bis dato kein einziger von Ephraim Karsh, ohne dessen Bücher das geschichtliche Wissen über die Gründung des Staates Israel, über den Krieg 1948, über die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ und Arafat, die gesamte israelische Geschichtsschreibung kaum vollgültig genannt werden kann.
Was bei Judt übrig bleibt, ist eine pseudolinke Phraseologie aus den schönen alten Sechzigern. Sein Versuch, die berechtigten Vorwürfe des Schürens antisemitischer Formeln dabei mit einer „antisemitischen Keule“ im Voraus abzuwehren, schlägt zurück, wie immer. Der Erfolg seiner Texte bei den Antisemiten Rechtsaußen wie Linksaußen ist ein deutliches Zeichen – der gültige Beweis, wie leidvoll die Rhetorik einer Schlussstrich-Mentalität wirkt.
Seine Ideen leben aber auch in der Mitte der Gesellschaft weiter, wie der Appell eines Friedenstifters Navid Kermani zeigt, selbstverständlich in der „Süddeutschen“. Kermani sieht „den Daseinsgrund Israels in seiner Moralität“. Seine Frage ist, „welches Interesse haben wir an Israel?“ Seine Antwort: Nur wenn „Israel sein humanes Antlitz bewahrt“. Und weiter: „Israel ist auf Moral angewiesen, um zu überleben“.
Wieder pluralis majestatis, wieder eine überlegene Perspektive eines moralischen Zeigefingers. Und wieder eine Doppelmoral in ihrer bekannten Einseitigkeit. Am krassesten drückt dies Peter Sloterdijk aus, der im „Kölner Stadt-Anzeiger“ Israels Politik „moralisch inkommensurabel“ genannt hat. Für Richard Cohen („Washington Post“) ist Israel gar ein „Fehler“. Alles Moralisten. Au weia, o Gewalt!
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21. Dezember 2006
Ideologen, Moralisten, Friedensstifter?
Man könnte Judt zum dritten Mal sagen - die "Jüdische Zeitung" hat den Text übernommen, erschienen im September Heft 2006:
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Judt zum zweiten
Den größeren Artikel wollte keine Zeitung drucken. Die Liste erspare ich dem Leser. Hier folgt die Fassung vom 25.5.2006:
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staat Israel gehört seit seiner Gründung zu den heikelsten Themen in der deutschen Presse. Insofern verwundert die provozierende Klarheit der Historikers Tony Judt, mit welcher er neulich zweimal nacheinander in SZ seine Thesen vorstellen durfte.
Eine seiner Kernaussagen war die Behauptung (noch vor dem Essay von Walt/Mearsheimer formuliert, aber jetzt ausführlicher dargestellt), dass die Israel-Lobby den USA sowie Israel schade. Auch über den „anachronistischen“ Staat Israel hat er schon mehrmals sein Verdikt getan. Soll man das ignorieren? Sollten Israelis selbst damit fertig werden, wenn sie schon in ihren Zeitungen solche Texte drucken, - nach dem Motto, wir drucken es nur nach? Nein. Warum? Weil seine Artikel erstens als die eines Historikers eingeführt werden. Weil zweitens weder seine falsche Prämissen dem deutschsprachigen Leser offen gelegt noch die mehr als nur ernstzunehmende amerikanischsprachige Kritik bekannt gemacht wird.
An einem Schlüsselbeispiel möchte ich zeigen, wie vereinfachend und undifferenziert Judt argumentiert. Er schreibt: „Vor 1967 mag der Staat Israel winzig und umkämpft gewesen sein, aber in der Regel wurde er nicht gehasst – sicherlich nicht im Westen. Der offizielle Sowjetkommunismus war natürlich antizionistisch, aber gerade aus diesem Grund war Israel bei allen anderen normalerweise gut angesehen, einschließlich der nichtkommunistischen Linken.“
Seine Thesen sind hier: Israel sei winzig (1), umkämpft (2), vor 1967 in der Regel gut angesehen im Westen, sogar bei der nichtkommunistischen Linken (3), dafür aber die Zielscheibe des Sowjetkommunismus (4).
Eine auf Dokumenten basierende Untersuchung würde zu anderen Schlüssen führen. Judt verfügt nicht über die Befragungsergebnisse aus dem Zeitraum weltweit, um seine Thesen zu belegen. Im Gegenteil lässt sich nachweisen, dass Israel auch vor 1967 einseitig kritisch beäugt wurde: 1948-1949: Die UNO (Sicherheitsrat) verurteilt den Angriff der arabischen Länder auf Israel nicht (die UdSSR enthält sich bei der Abstimmung über die an beide Kriegsparteien gerichtete Beschwichtigungen). 1956: Die Uno verurteilt das Verhalten Israels im Konflikt Syrien-Israel (einstimmig), genauso im Konflikt Ägypten-Israel (1955). 1960: Die Uno betrachtet die Entführung von Eichmann als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“(8 Stimmen dafür, 2 enthalten u.a. die UdSSR). 1961: Die Uno vertritt die Interessen Jordaniens gegen Israel (die UdSSR enthält sich auch hier). 1962: Die Uno verurteilt das Verhalten Israels im Konflikt Syrien-Israel (Enthaltung nur Frankreich). 1966: Israel wird für den Angriff auf Jordanien scharf verurteilt (Neuseeland enthält sich). 1967: Israel wird für die Landbesetzung während des Krieges verurteilt (einstimmig).
Das zeigt: Israel war auch vor 1967 nicht gut angesehen bei der UNO, die SU distanzierte sich offiziell von der Verurteilung der Politik Israels deutlicher als alle anderen Großmächte. (Erst später beginnt die SU die arabischen Terroristen zu unterstützen, die USA positionieren sich auf der Seite Israels, der Kalte Krieg erreicht den Nahen Osten.)
Völlig unklar bleibt, was Judt mit dem Begriff „umkämpft“ meint. Kriegerisch (angegriffen von mehreren arabischen Nachbarstaaten) oder völkerrechtsmäßig (fast alle arabischen Länder erkennen bis heute das Existenzrecht Israels nicht an)? Toleriert der sonst so moralisch auftretende Judt diese Fakten stillschweigend, genauso wie der Sicherheitsrat das mit seinen Resolutionen tat? Ob ein Staat „winzig“ sein mag oder nicht – was sagt das über den Historiker, der den Begriff in dem Kontext der Debatte verwendet? Ist der Begriff Hass im Bezug auf einen Staat eine „normale“ geschichtliche Kategorie? Was ist für Judt die nichtkommunistische Linke in der Zeit vor 1967, wie relevant ist diese Kategorie im Bezug auf die Einstellung zum Existenzrecht Israels? Warum legt er die Grenze der Änderungen auf 1967 und nicht auf das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft im Jahre 1972 in München? All diese Fragen zeigen die Widersprüchlichkeit der These, die Judt aufstellt. Judt schreibt weiter: „Rückblickend erkennen wir, dass Israels Sieg im Juni 1967 und seine fortwährende Besetzung der eroberten Gebiete zu seiner eigenen Nakba wurden: eine moralische und politische Katastrophe.“ Wir erkennen das nicht, weder von alleine, noch durch Judts nicht vorhandene Argumente (man hört die Stimme Ephraim Kishons in seinen Satiren „Wie Israel sich die Sympathien der Welt verscherzte“, 1962, „Pardon wir haben gewonnen“, 1968). Er erwähnt dabei nicht, dass die Gebiete, die Israel im Krieg 1956 erobert hatte, 1957 zurückgegeben wurden und Israel dadurch keinen sicheren Frieden gewonnen hat. Allein dies zeigt die Einseitigkeit der Geschichtsschreibung bei Judt. Er sieht nur die eine Seite und urteilt, schreibt Bosheiten der einen Seite auf und verschweigt Bosheiten der anderen Seite. Das nennt man parteiisch. Er redet von der „Weltmeinung“ und von „politischen Karikaturen“. Was er dabei aufzählt, ist der Bestand der antiisraelischen Propaganda, von Antizionisten eingeleitet und nun zur „Weltmeinung“ gekrönt.
Judt vergleicht Israel mit „einem Besatzer und Kolonialisten“, meint dies aber (da er seine Vergleiche nicht untermauert) nicht real, sondern als Urteil aus der Position heraus, die bei ihm „moralische Glaubwürdigkeit“ heißt. Die reale Politik, die Konfrontation der Staaten, bei welcher Krieg als Mittel der „Umkämpfung“ verwendet wird, die Notwendigkeit, auf diese Herausforderung zu antworten – auch als „Demokratie und Anständigkeit“ – passt nicht zu seiner Vorstellung von der moralischen Glaubwürdigkeit. Für ihn verhält sich Israel „unnormal“, das wird aber als globales Urteil der Geschichte formuliert - nicht mehr, nicht weniger.
Emmanuele Ottolenghi wies jüngst auf diesen Zusammenhang hin: „Für Judt ist der moderne europäische Antisemitismus, insofern er existiert, das insgesamt vorhersehbare Resultat des schlechten Verhaltens der Juden (in dem Fall, Israelis). Und so wie die israelischen Juden selbst die Schuld dafür tragen, dass die aufgeklärte Welt sie verurteilt, so können sie ihr Leiden erleichtern, und mit ihnen übrigens auch alle anderen Juden auf der ganzen Welt, die zusammen mit ihnen den schwarzen Brief bekommen haben, - und zwar durch ausgleichende Akte der Selbstzerstörung und Reorganisation.“ (Dieses Fragment über Judt wurde in der deutschen Übersetzung des Artikels von Ottolenghi in der „Welt“ ausgelassen.)
Judt will auch diesmal nicht „mit der falschen Gesellschaft“ in Verbindung gebracht, nicht als „De-facto-Kollaborateur des israelischen Fehlverhaltens“ angesehen werden. Der jüdische Staat hat moralischen Ansprüchen eines linken Intellektuellen eher zu entsprechen als jeder andere. Seine Argumentationskette ist einfach: „Für viele Millionen Menschen ist Israel tatsächlich der Staat aller Juden.“ Das ist kein Fakt, sondern eine Behauptung, dazu noch eine falsche: Es gibt viele Juden, die nicht in Israel wohnen und sich nicht mit dem Land identifizieren, und es gibt viele Millionen Menschen, für die Israel der Staat der Israelis ist und nicht nur der Juden. Dann folgt die nächste These: die USA seien „das einzige Land der Welt, in dem die Behauptung, dass Antizionismus gleich Antisemitismus sei, bis heute nicht nur die Meinung vieler Juden ist, sondern auch in den öffentlichen Erklärungen von Politikern und Massenmedien ihren Widerhall findet.“ In dieser Behauptung über eine „Behauptung“ (in der Tat eine Wahrheit) sind auch gleich mehrere problematische Umdeutungen verknüpft: Antizionismus ist heute nach wie vor dem Antisemitismus gleichzusetzen, auch wenn Judt das nicht anerkennt. Wenn dem Staat Israel kein Existenzrecht zugebilligt wird, dann sind seine Bürger existenziell und vital betroffen und nicht nur seine Grenzen. Die USA stehen in dieser Hinsicht nicht alleine da, und diese Sicht der Dinge teilt da die Mehrheit der Bevölkerung, nicht nur die Massenmedien und Politiker. Und wenn Judt die Angst hat, mit dem „kleinen“ Land in Verbindung gebracht zu werden, das dazu noch „kaum relevant“ ist (im englischen Original ist weiter von „strategischer Belastung“ die Rede), dann kann es nicht verwundern, dass er bereit ist, diesen Staat, der dazu noch nicht sein eigener ist, aufzugeben (nach seinen Worten, „etwas Abstand von Israel zu nehmen“). In der deutschen Literatur hat Theodor Lessing dafür den Begriff „des jüdischen Selbsthasses“ eingeführt. Und wenn Judt alle Juden für die tatsächlichen Versäumnisse oder gar Verbrechen einiger Israelis (seien es Soldaten, Siedler oder gar Politiker) mitverantwortlich machen will, dann sitzt er wieder in der Falle antisemitischer Verallgemeinerungen.
Sein Vorschlag eines binationalen Staates Israel ist eine linke Utopie, die von einigen Zionisten (Martin Buber war unter ihnen der größte Denker und hat seine Vision anders formuliert als geistige Vorbilder Judts - Edward Said und Noam Chomsky) in den 30-40er Jahren formuliert und von der UNO bei der Gründung des Staates Israel abgelehnt wurde. Dieser Vorschlag hat sich als nicht verwirklichbar erwiesen, denn er setzt die beiderseitige Bereitschaft einer friedlichen Koexistenz voraus. Das Ansinnen scheiterte an den Positionen der arabischen, insbesondere islamistischen geistigen Führer, deren grundsätzliche Ablehnung 1948 formuliert, noch einmal 1967 bestätigt und bis heute nicht zurückgenommen wurde. Sie lautet: „Arabische Staaten bleiben ihren Hauptprinzipien treu: kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel und Beharren auf den Rechten des palästinensischen Volkes auf ihren eigenen Staat.“ Die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ ist 1964 entstanden, als keine Landflächen von Israel besetzt waren, der Titel bezieht sich auf das gesamte Palästina in seinen Grenzen vor der Gründung des Staates Israel. Inzwischen halten sich nicht mehr alle arabischen Staaten bei der Khartumer Deklaration, die Arafats- und Abbas-Manifeste wurden (seit 1996) mäßiger. Die Hamas-Regierung hält sich aber weiterhin an diese drei „Nein“, das ist kein Zufall, sondern Folge langjähriger Propaganda. Aber auch wenn Judts These unabhängig von dem konkreten nahöstlichen Bezug betrachtet wird, bleibt sie nicht haltbar. Judt will das nicht mal diskutieren und macht sich keine Gedanken über die Prototypen, geschichtliche Parallelen (z.B. Pakistan/Indien). Sein Vorschlag ist eine moralisch bedingte Utopie. Zu Ende gedacht ist dieser Vorschlag ein Todesurteil, wie Leon Wieseltier bei der Erwiderung auf einen anderen Artikel Judts konstatierte: „Ein binationaler Staat ist keine Alternative für Israel. Es ist die Alternative zu Israel.“ Wirtschaftliche und Handelsbeziehungen Israels zu anderen Ländern wachsen, Israel nimmt zunehmend aktivere Positionen in der humanitären Hilfe weltweit ein – das sind Beweise von vielen, dass Israel keinesfalls so isoliert und unreif ist, wie Judt es sieht.
Sein Beispiel einer israelkritischen Reaktion von Studenten, das als Beleg für den Zustand „fünf vor zwölf“ dienen soll, ist die Krönung seiner Argumentation. Der Student Judt hat in den Jahren vor 1967 die Kibbuz-Begeisterung um sich herum für die weltweite Akzeptanz Israels gehalten. Der Hochschullehrer Judt sieht im Jahre 2006 das Versagen Israels weltweit aufgrund der unreifen Polemik von einigen Studenten einer Gruppe einer Universität als bewiesen. Die zunehmende Politisierung des Unterrichtes an den einzelnen amerikanischen Universitäten ist kein unbekanntes Thema, seit neuem sind auch Beweise für die lobbyistische Tätigkeit der arabischen Geldgeber in dieser Richtung vorgelegt, insbesondere ging es dabei um den ehemaligen Fachbereich von Edward Said. Weil Judt seinen Studenten nicht erklären will oder kann, worin der Unterschied zwischen Francos Spanien und Scharons/Olmerts Israel besteht, soll also Israel seine Politik grundsätzlich ändern und sich am besten auflösen. Soll dies die Logik eines Historikers sein?
Sein Vergleich der historischen Perspektive Rom-Israel vor 2000 Jahren versus USA-Israel von heute ist genauso absurd, unbelegbar, irreführend. Sein Aufruf, die Hamas „durch ernsthafte Angebote „herauszufordern“, ist blinder Utopismus: Die Hamas will Israel nicht anerkennen, sie hat es immer gesagt und jeden Tag dieses Jahres wiederholt.
Zuletzt noch zu dem Vorwurf des Kolonialismus. Judt gibt die Kolonisierung für den Kolonialismus aus. Israelische Siedler bauen Siedlungen auf den besetzten Gebieten, zum Teil mit Unterstützung der eigenen Regierung, was stets und zu Recht kritisiert wurde. Man könnte das als Landraub, Expansion bezeichnen und den politischen Druck auf die israelische Regierung ausüben. Es ist aber auch dann immer noch kein Kolonialismus. Angesichts des Gazaabzugs und der weiteren Abzugspläne kann man auch deutlich sehen, dass sowohl interne Kritik als auch die von außen Früchte bringen. Judts Satz - Kolonien seien „immer zum Untergang verurteilt, außer man ist entschlossen, die eingeborene Bevölkerung zu vertreiben oder auszurotten“ – trifft nicht zu: Israel ist keine Kolonie, die besetzten Gebiete sind keine Kolonien, die Palästinenser werden nicht vertrieben oder ausgerottet. Weder ist Israel ein Kolonialstaat noch ist der Zionismus eine Form des Kolonialismus.
Den Schlussstrich ziehend lässt es sich nicht vermeiden, den allzu persönlichen Charakter der Thesen Judts aufzudecken – er spricht vom monolithischen Westen, er erwähnt pauschalisierend „alle anderen“ und konkret die gesamte „nichtkommunistische Linke“ und meint immer und immer wieder nur sich selbst. Aus seinen Interviews zum Thema und zur eigenen Person kann man das genau entnehmen. Geboren 1948, ist er genauso reif wie der Staat, den er so vehement kritisiert. Als Jugendlicher beteiligte er sich an der zionistischen Bewegung und half bei der Immigration der britischen Juden nach Israel. Direkt nach dem Krieg 1967 ging er nach Israel und dolmetschte für die Armee. Er träumte von einem sozialistischen Israel und kehrte bald enttäuscht zurück. Man fühlt sich an einen hierzulande bekannten Schriftsteller erinnert, der aus eigenen Empfindungen eine Geschichtsvision und daraus im Umkehrschluss drohende „Moralkeulen“ entstehen ließ.
Judt wurde in seiner eigenen Entwicklung anscheinend maßgeblich durch den erwähnten Professor der komparativen Literaturforschung Edward Said beeinflusst, über den Judt 2004 einen großen Nachruf in tiefster Verehrung schrieb. Judt übernimmt die Ideen und die Argumentation Saids, setzt seine Ideologisierung der neuesten Geschichtsschreibung, Umdeutung des Diskurses in den Kulturkampf fort. Said geht es um die Beherrschung der Narrative, des Vokabulars. Sein berühmtester manifestere Satz lautet: „Jeder Europäer, der etwas über den Orient sagte, war ein Rassist, ein Imperialist und fast völlig ethnozentrisch“. Begriffe wie „die palästinensische Katastrophe von 1948“, „unseliges Suez-Abenteuer von 1956“, „katastrophale Invasion des Libanon“, Ausdrücke wie „Israel konnte immer noch tun und lassen, was es wollte“, „Instrumentalisierung des Holocausts“ – kommen aus der palästinensischen Propagandaküche, sind Produkte der Palästinenser-Lobby. Dass die reale Geschichte widersprüchlicher und auf keinen Fall so geradlinig gelaufen ist, wird hier ausgeblendet, nicht einmal als Nebensatz zugelassen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum mehrere Artikel von Judt seit Jahren übersetzt werden und bis dato kein einziger von Ephraim Karsh, ohne dessen Bücher das geschichtliche Wissen über die Umstände der Gründung des Staates Israel, über den Krieg 1948, über die palästinensische Befreiungsorganisation und Arafat, über die Geschichtsschreibung um Israel kaum vollgültig genannt werden kann.
Was bei Judt übrig bleibt, ist eine vulgäre pseudolinke Phraseologie aus den schönen alten 60er Jahren. Sein Versuch, die berechtigten Vorwürfe in dem Schüren antisemitischer Formeln dabei mit einer „antisemitischen Keule“ im Voraus abzuwehren, schlägt zurück, wie immer. Der Erfolg seiner letzten Texte bei den Antisemiten Rechtsaußen wie Linksaußen ist ein deutliches Zeichen dafür – der gültige Beweis leidvoller Wirksamkeit der Rhetorik einer Schlussstrich-Mentalität.
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Im Eifer
Es ging mit dem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung los. Zwei Artikel von Tony Judt übersetzte die Zeitung - das war zwei zu viel. Monatelang ging es hin und her. Endlich, am 20.6.2006 kam ein Leserbrief heraus:
Ende März ist ein Essay von Stephen Walt und John Mearsheimer über die Israel-Lobby in den USA erschienen. Mitte April hat Tony Judt sich in die Diskussion mit dem Artikel „Lobby, keine Verschwörung“ eingemischt. In der „Süddeutschen“ vom 28.April bekam der Artikel einen anderen Namen – „Doppelter Schaden“. Warum hat die Zeitung den Titel geändert? Der Ausdruck erscheint im Text nicht. Die einzige Stelle, die dafür in Frage käme, lautet: „Daniel Levy (…) schrieb in "Haaretz", der Essay sollte als Weckruf verstanden werden, um uns den Schaden bewusst zu machen, den die Israel-Lobby für beide Nationen anrichtet.“
Levy hat anders geschrieben: Der Essay „sollte als Weckruf dienen, auf beiden Seiten des Ozeans“. Er ist Walt und Mearsheimer gegenüber wesentlich kritischer als Judt und spricht von ihnen als den „vereinfachenden Autoren“.
Nach seiner Einschätzung schade diese Lobby den Interessen Israels. Über den vermeintlichen Schaden für die USA und von einem „doppelten Schaden“ spricht er nicht. Judt hat den zweiten Teil des Satzes Levy zugeschrieben.
Ein weiteres Schadenszitat findet sich aber doch; Judt gibt wieder: „Die Israel-Lobby in den USA schadet Israels wahren Interessen.“ Tom Segev, den er hier zitiert, hat den Walt-Mearsheimer-Essay scharf kritisiert, nannte ihn „Protokolle aus Harvard und Chicago“ (eine Anspielung auf den antisemitischen Klassiker „Die Protokolle der Weisen von Zion“) und „sehr arrogant“ (Judt lässt das Wörtchen „sehr“ aus!) Segev betont: „Der Eindruck entsteht, dass Walt und Mearsheimer die USA-Unterstützung für Israel deswegen angreifen, weil ihnen Präsident Bush nicht gefällt. (…) Anscheinend wären sie nicht so böse, wenn die Israel-Lobby sich gegen Bush entscheiden würde.“ Und weiter: „Die Vorstellung vom Israel-Einfluss basiert auf dem uralten Mythos, dass Juden die Welt regieren. (…) Von diesem Standpunkt aus haben Walt und Mearsheimer der Israel-Lobby einen guten Dienst erwiesen“.
Segev kritisiert die „Siedlungspolitik“ Israels, das Fehlen des Friedensvertrags zwischen Israel und Syrien, seine Intention ist trotzdem eine absolut andere, als die, die Judt ihm zuweist. Er missbraucht Segev, indem er dessen Kritik zu einem Instrument in der Debatte macht.
Wenn man Zitate bei Judt durchgeht, kommt man zum Schluss, sie alle (!) sind selektiv, sie stammen alle aus einer Quelle (der israelischen Zeitung „Haaretz“) und spiegeln nur eine Meinung wieder, dazu noch die einer betont „israelkritischen“ Minderheit innerhalb Israels. Im gewissen Sinne geht die „Süddeutsche“ mit Judt selbst genauso um. Eine Passage wird ausgelassen, ausgerechnet die, wo Judt sich die Unterstützung aus einer Publikation in der deutschen Presse holt, in der ein Autor Walt und Mearsheimer dafür lobt, wofür Segev, Morris und viele andere Fachleute den Essay kritisiert haben: „Nur selten haben Wissenschaftler den Wunsch und den Mut, ein Tabu zu brechen.“ (Chr. Bertram in der „Zeit“) Die Tabubrecher bei der Arbeit, bei der Zitatselektion?
Walt und Mearsheimer gehen von falschen, absolut einseitigen Prämissen aus – auf der Suche nach einer Weltverschwörung. Judt bedient sich des selektiven Zitierens, um über das „umstrittene“ Land loszulegen. Im Eifer der israelkritischen Polemik macht der Titel bei der „Süddeutschen“ in der Tat einen „doppelten Schaden“ und wirft einen Schatten auf die Zeitung zurück. Man möchte dazu sagen: Bitte keine Tabubrüche, wo es keine gibt.
Dr. Grigori Pantijelew, Bremen
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