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7. November 2009

Zwischen den Zeilen von Hanna Arendt

Schon zweimal stolperte ich über die seltsame Annäherung der Texte von Hanna Arendt an antisemitische Gemeinplätze. Heute sehe ich, dass ich nicht der einzige bin, dem das aufgefallen ist:

The Evil of Banality
Troubling new revelations about Arendt and Heidegger.


Darin analysiert Ron Rosenbaum die aktuelle Literatur zum Thema und geht etwas weiter. Zum Beispiel so:
In a long, carefully documented essay, Wasserstein (who's now at the University of Chicago), cites Arendt's scandalous use of quotes from anti-Semitic and Nazi "authorities" on Jews in her Totalitarianism book.

Wasserstein concludes that her use of these sources was "more than a methodological error: it was symptomatic of a perverse world-view contaminated by over-exposure to the discourse of collective contempt and stigmatization that formed the object of her study"—that object being anti-Semitism. In other words, he contends, Arendt internalized the values of the anti-Semitic literature she read in her study of anti-Semitism, at least to a certain extent.

Für Arendt-Fans und Arendt-Preisträger bestimmt lesenwert.

2. August 2008

Eine Geschichte der Juden?

Seit Monaten plagt mich die Frage, ob von mir nicht zu viel Kritik, zu viel Negatives geschrieben wird. So habe ich extra ein Buch genommen, welches ich loben und empfehlen wollte. Und siehe, schon wieder ist daraus etwas Kritisches geworden (in der "Jüdischen Zeitung", September 2008):

Jüdische Geschichte oder Narrativ?
Die Textsammlung „Jüdische Geschichte lesen“, 2003 von Michael Brenner, Anthony Kauders, Gideon Reuveni und Nils Römer herausgegeben, wurde in einigen wenigen Zeitungen von Zunftkollegen begrüßt und einstimmig positiv rezensiert. 45 Aufsätze von 37 Autoren aus den Jahren 1818 bis 1998 – ein breites Spektrum, thematisch wie chronologisch. Im Grunde genommen geht es um Methodologie, grob gesagt um Ansätze, wie man mit der Geschichte der Juden umgeht. Brenner schrieb drei Jahre später eine Monographie zum selben Thema, in welcher er die Geschichte der jüdischen Geschichte darlegte, mit zum Teil identischen Namen und Akzenten, eine Art Selbstreferenz – hier ein Lesebuch, dort eine Deutung. Das sei trockene Wissenschaft, dachten aber jüdische Leser selbst und blieben eher zurückhaltend: Keine Diskussion, keine wahrnehmbare Rezeption. Warum nur?

Zuerst fällt die Geographie der Texte auf – das meiste stammt aus der Feder von deutsch-jüdischen Autoren, etwas weniger kommt aus den USA und Israel, je eins aus England, Frankreich, Russland. Würde der Proporz genauso aussehen, wären die Herausgeber selbst in Israel oder Russland angesiedelt?

Man merkt deutlich auch die säkulare Tendenz: Rabbinische Texte sind in der Minderheit. Drittens stechen die Pluralität der präsentierten Positionen und der neutrale Ton der Einführung geradezu ins Auge. Das alles hat Vor- und Nachteile.

Einerseits stellt das Buch einen Fundus grundlegender Texte vor, handlich im Gebrauch, gut für den Lehrbetrieb. Sechs thematisch gegliederte Blöcke, in denen die einzelnen Aufsätze zeitlich eingeordnet sind, – das Material ist gut strukturiert, wieder ein Plus für die Verwendung im Studium. Eine deutschsprachige Ausgabe bevorzugt nun mal deutschsprachige Texte und orientiert sich an Lesern in Deutschland. Andererseits wäre durchaus zu fragen, ob einige der Texte ihren Weg nicht eher aus Gründen der political correctness ins Buch fanden. So erzählt ein Artikel von Paula Hyman über die Rolle der Frauen in der Weitergabe der jüdischen Tradition. Ist denn diese Beobachtung so neu – ist das etwa eine methodologische Revolution? Die Artikel von Laurence J. Silberstein und Susanne Heschel übertragen die ehrwürdigen feministischen Kampfgedanken und nicht weniger angesagten „orientalistischen“ Kampfslogans Edward Saids auf die Erforschung des zionistischen und postzionistischen Diskurses. Sie überzeugen weder im Hinblick auf Logik noch auf ihre Aussagekraft, insofern bleibt unklar, warum sie in dem Kontext des Bandes gelesen werden müssen. Es ist schon klar, dass heutzutage die eine oder andere antizionistische Stimme laut ist. Sie kann in solch einem Band auch vorgestellt werden, warum dann aber nicht aus erster Hand, sondern unterschwellig und so wenig fassbar?

Genauso befremdlich erscheinen noch drei Texte – von Arnold J. Toynbee, Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt. Toynbee ist selbstreflexiv genug, um zu seinen ziemlich antisemitischen Passagen zu vermerken, „wie schwer es für jeden ist, der mit einem christlichen Hintergrund aufgewachsen ist, die jüdische Geschichte objektiv zu betrachten“. Sartre erlaubt sich ruhigen Gewissens solche haarsträubenden Sprüche wie – „der Antisemit hat den Juden zum Gegenstand seines Hasses erwählt wegen des religiösen Abscheus, den dieser immer erregte.“ Arendt ist von der „wechselseitigen Feindschaft“ zwischen Christen und Juden völlig überzeugt. Warum ausgerechnet diese Texte zum Thema Antisemitismus? Warum nicht andere? Ist zum Beispiel „Der ewige Antisemit“ von Henryk Broder nicht akzeptabel, nur weil ihm der Doktortitel fehlt? Auch beim Thema Zionismus hätte ich lieber eine direkte Auseinandersetzung mit Benny Morris und Tom Segev als den Pionieren israelischer Selbstzerfleischung auf historischem Gebiet sowie die Richtigstellung, die Ephraim Karsh inzwischen geliefert hat (ich weiß, diese Texte sind meist später erschienen als das Buch, ich bringe dies als Beispiel).

An dieser Stelle noch einige Worte zu der Ausgabe selbst. Es gibt nur wenige Kritikpunkte: Einer der Autoren – Immanuel Wolf – wurde bei der Zusammenstellung der Autorenliste vergessen. Einige chronologische Zuordnungen, zum Beispiel bei Zitaten im Artikel von Hannah Arendt, stimmen nicht überein (sie bezieht sich im Jahre 1951 auf Bücher, welche erst 1961 und 1962 erschienen sind). Bei der Wiedergabe einiger Texte wurden Fehler beim Abtippen nicht nachgebessert, in einigen Übersetzungen hat das Auge des Redakteurs zu wenig aufgepasst. Ansonsten eine hervorragende, in dieser Form einmalige Leistung, die viel zum Nachdenken anregt.

ASSIMILIERUNG
Mehrere Texte im Band streiten miteinander über die Assimilierung, deren Gründe, Entstehung, Verläufe, Folgen etc. Deren Aneinanderreihung erwirkt aber auch einen Nebeneffekt. Erst durch die Lektüre fällt auf, wie zeitgebunden all diese Texte sind. Wie die Zeitgenossen Hegels mit Müh und Not versuchen, dialektisch zu formulieren, wie die Generation von Burckhardt und Ranke zu großen mehrbändigen Erzählungen neigt, wie Simon Dubnow im Zuge der heranwachsenden soziologischen Tendenz von H. Taine bis M. Weber die jüdische Geschichte auf ihre Füße stellt. Wie kurz darauf die Wendung zur Geistesgeschichte ihre Auswirkung zeigt, unter anderem in der wirren philosophischen Poesie (Franz Rosenzweig: „das Volk ist Volk nur durch das Volk“). Der vulgäre Marxismus (Raphael Mahler: Mit der sozialistischen Revolution in Russland „brach eine neue Ära in der Weltgeschichte an. Mit dieser neuen Phase im Kampf der Völker um ihre Freiheit setzte zugleich eine neue Epoche in der nationalen Befreiungsgeschichte des Volkes Israel ein.“) und weitere Ismen hinterlassen ihre Spuren, bis hin zu Feminismus und Dekonstruktivismus, mit ihren jeweils neuen Sprachstrukturen und ihrem eigenen Zitatenrepertoire. Sie alle stehen mehr im Geiste der eigenen Zeit als im Dialog mit der eigenen Tradition. Das Buch zeigt, dass die nationalen Unterschiede zwischen Juden der Diaspora zunehmend größer werden – positivistisch ausgerichtete englische und amerikanische Autoren verschmähen den Pathos der deutschen Kollegen und die Sachlichkeit Dubnows. Ein Dialog findet fast ausschließlich nur innerhalb der folgenden Generationen einer gemeinsamen Sprachkultur statt. Die Juden trennen sich und wissen weniger voneinander, haben weniger Verständnis füreinander.

So will der Brite Cecil Roth auf der Schwelle der Shoa nur bedingt vom Leiden der Juden in der Geschichte sprechen. Sein Text ist 1932 geschrieben und beinhaltet auf zehn Seiten mindestens 19 Sätze, die das Ausmaß des Leides in der jüdischen Geschichte relativieren, wie zum Beispiel seine Frage über die typischen Pogrome während der Osterwoche im Mittelalter offenbart, ob diese „nicht stärker auf eine Art ‚jahreszeitliche’ Psychologie zurückzuführen sind“. Ist das noch ein jüdischer Blick oder schon ein nichtjüdischer? Übernimmt er hier die Sicht der Mehrheitsgesellschaft auf Juden? Das Buch legt auch diese Art der Assimilierung bloß, öffnet die Augen dafür. (Übrigens besonders empfehlenswert ist im selben Sinne der Aufsatz von Sander L. Gilman zum Thema „Jüdischer Selbsthass“, 1986.)

PLURALISMUS
Die Spezialisierung schlägt zu – sowohl auf dem methodologischen Feld der Geschichtsschreibung als auch in der Eigenart des nationalen Blicks. Ich wage zu sagen, dass ein deutscher Jude aus der historischen Schule des 19. Jahrhunderts die Geschichte seines Volkes in der Tat anders sieht als sein Kollege in den USA des 20. Jahrhunderts und noch ganz anders als der Nachfolger im heutigen Israel. Positiv gesehen ein Pluralismus. Auf der anderen Seite jedoch auch eine Zerspaltung, eine Diaspora des Geistes.

Die beschriebene Splitterung hat mehrere Dimensionen. Dazu gehört auch, dass Historiker heute keine großen Projekte mehr wagen, es gibt kaum einen Entfaltungsraum für eine bedeutende Persönlichkeit, die eine solche Aufgabe auf sich nehmen würde. Ein Kollektivwerk ist naturgemäß weniger persönlich gefärbt.

Eigenes trägt dazu auch die chronologische Folge der Publikationen bei. Die Logik des Fortschritts kann dazu verführen, in einem späteren Text nicht nur einen Kommentar zu einem früheren zu sehen, sondern von ihm eine modernere, soll heißen, wahrere, bessere, aktuellere Position zu erwarten. Muss vom Späteren das Frühere immer aufgehoben werden? Das führt mich zur Annahme, dass es vielleicht besser wäre, die Lektüre im Buch mehr thematisch zu organisieren – im Wissen, dass es mit der Geschichtswissenschaft heute genauso wie mit den meisten humanitären Wissenschaften und Kulturwerten geht. Die Zeit der Titanen des Geistes ist vorbei, und ob sie wieder kommt, wissen wir nicht. Die bloße Folge der Zeiten weist also noch keine Logik auf – das mag hegelianisch klingen und abstrakt und nach ordnenden Ideen rufen, die ich gar nicht liefern kann. Ich kann sie hier nur vermissen und das als Fakt beim Namen nennen. Summa summarum, bedeutet das den Zustand einer Posthistoire. Im gewissen Sinne aber auch ein Neuanfang. Je nachdem, was die nächsten Generationen daraus machen.

NARRATIV
Noch aktueller ist die Frage nach der tieferen und eigentlich höchstaktuellen Bedeutung von diesem Pluralismus. Diese Frage müsste man gleich im Plural umformulieren – Geschichte oder Narrative? Und zwar: Gibt es eine einzige, für alle Epochen gültige Vergangenheit, die durch die Geschichtswissenschaft festgelegt wird? Versorgt uns ein Historiker mit Fakten und gleich einer Deutung dazu? Oder sind es mehrere? Für jede Epoche ihre eigene, für eine jede Kultur, Nation? Kann die Sicht eines Autors die objektive Wahrheit überhaupt wiedergeben – sind es nicht eher unterschiedliche Erzählungen, gemäß einer herbeizurufenden Umwandlung eigener Erinnerungen bei der Traumatherapie?

Angesichts der Postmoderne, der Dekonstruktion und übrigen Versuchen, die Aufklärung zu delegitimieren, muss als Erstes geprüft werden, ob das Wissen über die Vergangenheit konstant, flexibel oder gar beliebig ist und – als Zweites – ob das ein objektives Faktum oder eine subjektive Sichtweise ist. Davon abhängig wäre das Resultat einzustufen, ob es gut, schlecht oder wertneutral ist. Dafür gibt es die Philosophie der Geschichte, die bei aller augenscheinlichen Vernünftigkeit erst dann entstehen konnte, als die Aufklärung die deutsche Philosophie erreicht hatte. Daraufhin erst konnte dann auch eine „Geschichte der Juden“ von Heinrich Graetz konzipiert werden. Ihr folgten weitere mehrbändige Projekte, die an der Schwelle zur Shoa ihren Höhenpunkt fanden und infolge der Shoa abrupt zurückgingen. Etwa 150 Jahre lebt und blüht die jüdische Geschichtsschreibung, bis sie bereit ist, sich im Spiegel anzuschauen und zu hinterfragen, ob sie am Ende ist und ob sie eine Methode hat. Gerade das tut dieses Buch, zumindest bietet es die Erkenntnisvorlage an. Wie wäre es, die jüdischen Enzyklopädien aus England (1901), Russland (1908), Deutschland (1928), Israel (1971) in der weiteren Folge miteinander zu vergleichen? Ist also die gesuchte Methode der Pluralismus? Wo liegt seine Grenze zur Beliebigkeit eines Narrativs?

REZEPTION
Wie bekannt, erreichte Emil Fackenheim die israelische Leserschaft kaum, seine Texte wurden nicht in Hebräisch geschrieben, weder übersetzt noch rezipiert. Ist er damit kein israelischer Denker? Und wenn er erst Jahrzehnte später ankommen und dann vielleicht noch wirken wird, ist er dann ein Teil der israelischen Gedankenwelt oder auch dann noch nicht? Dubnow wurde im russischen und deutschen Kulturkreis kaum gelesen, seine Leserschaft verschwand generationenweise, auch seine Ausgaben gingen verschollen. Ist er aber jetzt, nach den neuangelegten Ausgaben beim Leser angekommen? Mir persönlich sagt die Auslegung Dubnows immer noch zu, ich betrachte sie als unangefochten. Wenn ich ihn hier allerdings immer mal wieder lobpreise und das von einem Dutzend gelesen wird, erhebt ihn das automatisch zur Autorität ersten Ranges? Mit anderen weniger ironischen Worten: Beliebtheit, Zitierbarkeit, Bedeutung und Auswirkung eines Autors können stark divergieren. Das ist auch eine Lehre aus diesem Buch: Die hochgepriesene Arendt verliert viel an ihrem Renommee durch den zweifelhaften Text in diesem Band im Vergleich zu weniger „hochkarätigen“ Autoren, ohne jegliche Chance, sich auf dem Gebiet wieder zu behaupten. (Sie lässt sich zum Beispiel über „die selbstbetrügerische Theorie“ aus, nach welcher das Judentum „für Toleranz und die Gleichheit aller Menschen eintrat“, oder über die „Existenzbedingungen im Mittelalter, als den Juden auch dann, wenn die Gewalttätigkeiten nicht religiös, sondern politisch oder wirtschaftlich begründet waren, immer noch die Alternative offenstand, sich taufen zu lassen und damit den Verfolgungen zu entgehen“.) Die Logik der Aussage, die Korrektheit der Faktenwiedergabe, die Beweisführung, die Stärke sprachlicher Präsenz und manch anderes kann man besser vergleichen, wenn Texte nebeneinander stehen und im Zusammenhang der Themen gelesen werden.

Sind das unterschiedliche Zeiten mit ihrer jeweiligen Geschichtsschreibung, Philosophie, Weltanschauung? Oder nur Narrative? Kann man so unterschiedliche Positionen beliebig gegeneinander austauschen und je nach eigenem Geschmack aussuchen? Kann es mehr und weniger Wahrheit geben? Cecil Roth (weniger Leid) gegen Graetz (viel Leid) – wer setzt sich im Gedächtnis der Kultur durch? Kann man hier eine Einsicht erwarten, so wie Benny Morris seine Niederlage gegen Ephraim Karsh im Bezug auf die Gründungsgeschichte Israels zugegeben hat? In unserem Bewusstsein vielleicht. Jüdische Geschichte lesen bedeutet mitzudenken und eine Position zu beziehen. Auch dieses Buch verlangt einen wissenden, denkenden Leser, und in diesem Sinne – am Rande gesagt – vielleicht mehr Kommentare und weniger Neutralität, auch wenn der eine Journalist dann eine Tendenz und der andere Wissenschaftler eine Subjektivität anprangern würde. Bloß nicht anämisch und klein werden, das lesende Publikum wäre dafür dankbar. Umsomehr, dass die Herausgeber im Vorwort darauf hinweisen, dass die deutsche Historikerzunft auch heute noch „keinen einzigen der großen Historiker der jüdischen Geschichte“ für erwähnenswert hält.

DENKWEISE
Bei der Darstellung der jüdischen Sicht auf die Geschichte vermisse ich im Buch ein gesondertes Kapitel über die spezifisch rabbinische Vorgehensweise, auch wenn das mit je einem Text von Abraham Geiger und Emil Fackenheim angedeutet wird. Leo Baeck und Mordechai Kaplan wären hier eine weitere Bereicherung und Zeichensetzung. Die talmudische Kunst der Auslegung, der Fragestellung und Durchleuchtung lebt, sie wird von der Bibel- und Talmudforschung nicht usurpiert – in dem Buch ist davon wenig zu spüren. Die Ausrichtung auf den Unibetrieb, auf die formalisierbare, verifizierbare, prüfbare Wissensvermittlung bringt die Gefahr mit sich, diese synkretische Art jüdischer Denkweise auszuhöhlen. Unter dem Einfluss eines Michel Foucault kann man auch zu einer neuen Synthese zwischen Talmudistik und Kulturkritik gelangen, wie es zum Beispiel zwei brillante Texte Amos Funkensteins anbieten, trotzdem ist das schon wieder eine Aneignung, es schmeckt ganz anders. Der einsame Aufsatz von Fackenheim, dem bekanntlich letzten Schüler Baecks, verliert sich im Band und bleibt eine Ausnahme.

Trotz dieser Einwände muss man die Grundidee des Bandes unterstützen und ganz tüchtig loben: Sie entspricht genau der jüdischen Denktradition. Texte verschiedener Autoren aus verschiedenen Zeiten treten in den Dialog miteinander ein und erklären dasselbe anders, kommentieren einander, widerlegen, ergänzen, werfen einen neuen Blick auf dieselbe Vergangenheit, zwingen regelrecht zur Diskussion und Erarbeitung seiner eigenen Position.

LESERSCHAFT
Es gab Zeiten, in denen jede jüdische Familie ein Exemplar der Graetzschen Geschichte besaß (mein ältester Onkel hat mir zwei zerstreute alte Bände vererbt, die die in der Vergangenheit noch zahlreiche Verwandtschaft als Kostbarkeit behielt, durch alle Pogrome und Fluchten des Jahrhunderts). Wie ist es heute? Den neu bekehrten russischen Juden werden populäre Broschüren zum Judentum und zur Jüdischkeit in die Hände gedrückt, um sie nicht zu überfordern. Das gesammelte Wissen der Historiker wird – wie in dem vorliegenden Buch – offensichtlich für die Studierenden aufbewahrt: So entstehen Barrieren zwischen Wissenden und Unwissenden, zwischen den Orthodoxen und Abtrünnigen. Sind die gedachten Leser einer Geschichte der Juden, einer jüdischen Zeitung eher jüdisch oder nicht-jüdisch? Standen Herausgeber einer Encyclopaedia Judaica je vor einer solchen Frage? Welches Lesebuch kann das auffangen? Wie wäre es, wenn anstatt von millionenschweren Burgen und Palästen, die für Synagogen ausgegeben werden, einem jeden eingebürgerten Kontingentflüchtling eine Tora-Ausgabe, dazu der Talmud, dazu Dubnow verfügbar gemacht worden wären? Eine jedem zugängliche Bibliothek für dieselben Investitionen? Damit das Volk des Buches liest und zu sich, zu seiner Geschichte findet?

25. Januar 2008

Tony Judt auf den Spuren von Hannah Arendt

Die vor zwei Monaten angekündigte Besprechung zu den Folgen des neulich veröffentlichten Offenen Briefes muss ich irgendwie strukturieren. Es sind nämlich inzwischen mehrere Texte entstanden, sowohl pro als auch contra. Sie ersetzen in ihrer Fülle die nicht existente öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Insgesamt haben die Geheimhalter der Jury verloren - sie konnten die Preisverleihung nicht als Sieg in ihrem unermüdlichen Kampf für den demokratischen Dialog verkaufen und verhüllten sich im ignoranten Schweigen. Egal wie sie sich anstellen, sehen sie sich in einem Eiertanz, weil sie auf keinen Fall die wahre Begründung offenlegen wollen (Judt bekommt seinen dritten deutschsprachigen Preis im Jahr 2007 für seine antiisraelische Position!), weil Judt und seine Verteidiger in der von uns losgelösten Diskussion ihn als "Israelkritiker" präsentieren und loben, weil sein Europa-Buch in diesem Kontext nur als Aufhänger erscheint.

Anschließend folgen besagte Texte selbst - meist in Auszügen.

Aber zuerst soll eine kurze Auswertung der Stimmen geschehen. Die ausgewogene Darstellung der Positionen gelingt in vier gedruckten Artikeln (3,6,7,14) und einem Blogartikel (5). Die angeblich neutrale Juriposition wird entlarvt und in den Kontext der medialen Rolle Judts gestellt. Die meisten Autoren gehen ausführlich auf die Einstellung Judts gegenüber Israel ein, der Blogtext außerdem auf die Einschätzung der europäischen Geschichte im gepriesenen Buch Judts. Keine dieser Stimmen unterstützt die positive und hervorhebende Darstellung in dem Lobtext der Jury, sie alle widersprechen ihm und solidarisieren sich mit dem Protestbrief.

Wie aus unserem Leserbrief (12) deutlich wird, haben weder die Jury noch die Stiftung inhaltlich und direkt auf den Protestbrief geantwortet. Alleine Bürgermeisterin Frau Linnert ging darauf in ihrer Rede (13) ein. In dem dpa-Text (8) wird der Protestbrief sogar mit keinem Wort erwähnt - so wird ein Versuch unternommen, die Diskussion zu verhindern und die vorhandene Kritik zu verschweigen. Da der dpa-Text direkt von der Stiftung kommt, klingt die Empörung von Frau Grunenberg (14) und Herrn Rüdel (2) besonders bizarr, insbesondere in dem Moment, als sie sich zu Statthaltern der Diskussionskultur einer Hannah Arendt erklären. Aber auch in ihren Stellungnahmen zu dem Protestbrief zeigen sie sich uninformiert und nichtssagend. So sieht Peter Rüdel in Judt "einen Kritiker der aktuellen Politik Israels. Ein Mann, der freiwillig in der israelischen Armee gedient habe, stelle gewiss nicht Staat Israel in Frage." Das bedeutet, P.Rüdel kennt sich mit der Position Judts nicht aus und argumentiert dazu noch nicht einmal mit dessen Texten, sondern mit dessen Biographie, und zwar mit dem Fakt, dass Judt für eine kurze Zeit für die israelische Armee nach dem 1967-Krieg dolmetschte - mehr dazu in dem anderen Artikel in diesem Blog; Ingo Way ist über den Passus Rüdels auch empört (siehe unten bei 6). Genauso ungeschickt reagiert Rüdel auf die Feststellung, dass den jüdischen Kritikern Judts keine Möglichkeit geboten wird mitzudiskutieren: "Der Preis sei [...] auch in den vergangenen Jahren an einem Freitag verliehen worden". Sicher, das ist kein Problem für Tony Judt sowie auch für die gesamte Heinrich-Böll-Stiftung. Wenn man aber eine Diskussion mit einem "guten Juden" auf die Schabbatzeit ansetzt, muss ein Protest kommen, und dann ist die Antwort Rüdels kontraproduktiv - eine Diskussion wird von ihm auf diese Weise unterdrückt, was im Radiobeitrag von W.Stenke (15) ignoriert wird.

Genauso scheinheilig sind die Verteidigungsworte von Frau Grunenberg (14), die mit keinem Wort auf die Kritik eingeht, sie dafür aber als "unsachlich" und "diffamierend" bestempelt. Vollkommen ignorant ist sie gegen die Kritik an ihre eigene Adresse und will den Protest als einen persönlich ausgerichteten Kampf gegen Judt sehen. Indem sie dies tut und sich dazu auch noch hinter dem Namen von Hannah Arendt versteckt, macht sie genau das Gegenteil von dem, was sie ansagt, sie nämlich unterdrückt die Diskussion. Der Radiobeitrag von W.Stenke (15) ist vielleicht der einzige Versuch, Judt und die Jury inhaltlich zu verteidigen. Deswegen wird er etwas ausführlicher (siehe unten) behandelt, um die Lächerlichkeit seiner Argumentation offenzulegen.


1. Am 21.11.2007 im täglichen Programm des Bremer Fernsehens "Buten un Binnen":

Jüdische Gemeinde kritisiert Preisträger

Die jüdische Gemeinde Bremen ist unzufrieden mit der Verleihung des Bremer Hannah-Arendt-Preises an den Historiker Tony Judt. In einem offenen Brief hat ihm die jüdische Gemeinde vorgeworfen, Zitate zu manipulieren oder zu erfinden, um seine politischen Ansichten zu untermauern. Der in New York lebende Historiker Judt soll die Auszeichnung am 30. November erhalten. Finanziert wird der Preis vom Bremer Bildungssenator und der Heinrich-Böll-Stiftung.


2. Am 21.11.2007 in der späteren Ausgabe des Bremer Radios:

Jüdische Gemeinde Bremen kritisiert Preisvergabe

Die Jüdische Gemeinde Bremen hat die Vergabe des diesjährigen Hannah-Arendt-Preises an den britischen Historiker Tony Judt kritisiert. In einem offenen Brief wirft die Gemeinde der Preis-Jury, der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bremer Senat vor, sie habe einen Mann mit einer israelfeindlichen Einstellung ausgewählt. Wenn jemand Jahr ein Jahr aus sage, Israel sei umstritten, gehasst und ein Besatzer und Kolonialist, dann sei das keine Kritik an der Regierung sondern eine antiisraelische Haltung, heißt es in dem Brief und weiter:
Der in New York lebende Historiker Judt vertrete die offizielle palästinensische Sicht auf die Geschichte, samt der erfundenen und verdrehten Fakten sowie des antiistraelischen Vokabulars. Kritisiert wird auch der Termin der Verleihung am Freitag kommende Woche und die zusammenhängende Diskussionsveranstaltung am Samstag Morgen. Juden, die traditionell den Sabbat begängen, seien so von der Teilnahme ausgeschlossen.
Peter Rüdel von der Bremer Heinrich-Böllstiftung kann die Kritik nicht nachvollziehen. Judt sei kein Israelkritiker sondern ein Kritiker der aktuellen Politik Israels. Ein Mann, der freiwillig in der israelischen Armee gedient habe, stelle gewiss nicht Staat Israel in Frage. Der Preis sei darüber hinaus auch in den vergangenen Jahren an einem Freitag verliehen worden.


3. Die TAZ widmete dem Ereignis einen Artikel von KLAUS WOLSCHNER am 23.11.2007:

Arendt-Preis für Israel-Kritiker

Die Bremer Jüdische Gemeinde kritisiert die Vergabe des Hannah Arendt-Preises an den New Yorker Historiker Tony Judt. Der kritisiert die Israel-Lobby in den USA und plädiert für ein binationales Israel

Dass die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an den Historiker Tony Judt zu Debatten führen würde, war klar - und anscheinend doch überraschend. In der Begründung der Jury für die Wahl des Preisträgers wird auf dessen kritische Position zu dem Staat Israel nicht eingegangen. Die Jury will Tony Judt würdigen "als eine Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiert". Er sei ein "Historiker, der weiß, dass historische Ereignisse nicht ohne ihre vielfältigen Kontexte verstanden werden können", ein "politischer Denker, der seine Sicht auf die Geschehnisse der Zeit in die öffentliche Kontroverse einbringt", schließlich sei er ein "politischer Essayist" und "streitbarer Zeuge seiner Zeit". Die Jury bezieht sich auf sein 2005 erschienenes Buch "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart".

Im vergangenen Jahr sollte Judt, Leiter des Remarque Institute an der New York University, im polnischen Konsulat einen Vortrag über Israel-Lobbyismus in der amerikanischen Außenpolitik halten. Als das polnische Generalkonsulat den Vortrag kurzfristig absagte, gab es eine große Debatte um die Meinungsfreiheit in den USA.

Judt, in seiner Jugend Zionist, plädiert heute für einen "binationalen Staat Israel", in dem Palästinenser und Juden zusammenleben sollen. In einem Essay für die New York Review hat er formuliert, Israel sei ein Anachronismus und die Frage aufgeworfen, ob in der heutigen Welt für einen jüdischen Staat Platz sei. Das ist der Punkt, an dem jetzt auch die Jüdische Gemeinde Bremen mit einem offenen Brief interveniert. "Sein Programm des binationalen Staates ist, nach treffenden Worten Leon Wieseltiers, keine Alternative für Israel, sondern die Alternative zu Israel", schreibt Elvira Noa für das Präsidium der Jüdischen Gemeinde. Dieser Aspekt der Bedeutung des Historikers Judt werde "in der Jurybegründung mit einem großem Schamblatt zugedeckt". Judt verbreite "die offizielle palästinensische propagandistische Sicht auf die Geschichte". Er sei als Historiker bei weitem nicht so anerkannt und gepriesen wie als Israel-Kritiker.

In der Tat ist Judt in den USA vor allem durch die Auseinandersetzung mit der Israel-Lobby in den Medien bekannt geworden. Er verbindet seine Kritik der Israel-Politik der USA mit einem Angriff auf die Legitimation der amerikanischen Juden: "Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, auch nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch", sagt er. "Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: durch eine Identität im Raum, das ist die Identifikation mit Israel, selbst für jene, die niemals dort waren. Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifikation mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist."

Wohlwollende Kritiker nennen Judts Position zum gemeinsamen Staat von Juden und Palästinensern naiv. "Tony Judts Vorschlag, der als Jugendlicher eine hebräische Schule besuchte, im Haus seiner Großeltern mit jiddischer Kultur erzogen wurde und nach der Schule ein Jahr in einem israelischen Kibbuz lebte, ist eher der Ausdruck politischer Verzweiflung vor dem Hintergrund einer lebenslang favorisierten linkszionistischen Utopie denn ein ernsthaftes politisches Programm", meinte etwa Micha Brumlik in der taz.


4. Auf diesen Artikel folgte ein Leserbrief am 27.11.2007:

Verwirrende Kritik

Betr.: "Arendt-Preis für Israel-Kritiker", taz nord vom 23. 11. 2007

Tony Judt wünscht, dass Israel ein Staat wird, in dem Juden und Araber gleichberechtigt sind. Deshalb kritisiert die Jüdische Gemeinde Bremen, dass Tony Judt den Hannah-Arendt-Preis 2007 bekommt. Diese Kritik verwirrt. Wer sollte sonst diesen Preis bekommen? Genau das ist es doch, was Hannah Arendt forderte! Sie beklagte, dass die Amerikanische Zionistische Organisation 1944 das Programm Ben Gurions übernahm: das Ziel eines jüdischen Staates, der ganz Palästina umfassen solle: "Dies ist ein Todesstoß gegen die jüdischen Parteien in Palästina selbst, die die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen dem arabischen und dem jüdischen Volk predigten... Wenn Zionisten auf ihrer sektiererischen Ideologie beharren und in ihrem kurzsichtigen 'Realismus' fortfahren, dann werden sie auch die kleinen Chancen verspielen, die kleine Völker in unserer nicht sehr schönen Welt heute noch haben." Fazit: Die Jüdische Gemeinde Bremen würde auch gegen die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Hannah Arendt protestieren. ROLF VERLEGER, Lübeck


5. Im Blog "Lizas Welt" wird das Thema am 26.11.2007 online besprochen(Link). Ein sehr gelungener Beitrag aus meiner Sicht, mit einer großen Wirkung.

6. Ingo Way hat in der "Jüdischen Allgemeinen Zeitung" am 29.11.2007 einen Artikel dazu geschrieben und online in seinem Blog gestellt (Link). Am selben Tage schrieb er noch einmal zum selben Thema.

7. Am 30.11.2007, am Tage der Preisverleihung, brachte die "Welt" einen größeren Artikel von Jacques Schuster zum Thema:

Empörung über Arendt-Preis für Tony Judt

Der englische Historiker Tony Judt erhält heute in Bremen den Hannah-Arendt-Preis, und die Jüdische Gemeinde der Stadt ist empört. In einem offenen Brief kritisiert ihr Präsidium die grüne Heinrich-Böll-Stiftung und den Bremer Senat. Beide verleihen den Arendt-Preis jährlich an Persönlichkeiten, welche "das 'Wagnis Öffentlichkeit' angenommen haben und das Neuartige in einer scheinbar sich linear fortschreibenden Welt denkend und handelnd erkennen und mitteilen", wie es in den Regeln der Preisverleihung etwas holprig heißt.
Tony Judt, der das Erich Maria Remarque Institut an der New York University leitet, gehört in den Kreis derer, welche das "Wagnis Öffentlichkeit" auf sich nehmen und damit genau den Ansprüchen gerecht werden, die die Träger des Vereins gestellt haben. Seit Jahren beeindruckt Judt seine Leserschaft durch scharfsichtige und kluge Studien über die Ideologien des 20. Jahrhunderts. Sein jüngstes Buch "Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart", die letztes Jahr in Deutschland erschien, gilt als gelungene Verbindung aus Geschichtspolitik, postnationaler Historiografie und Gesellschaftsgeschichte.
Missmut erregte der einst glühende Zionist Judt allerdings durch einen Aufsatz in der "New York Review of Books", den er 2003 geschrieben hatte. Darin attackiert er Israel. Das Land sei in den Nationalismus zurückgefallen, und es bleibe nur eine binationale Lösung, wenn der Konflikt mit den Palästinensern je beendet werden solle. Daraufhin empörte sich Judts langjähriger Freund, der Publizist Leon Wieseltier im Magazin "New Republic": "Ich habe noch nie jemanden getroffen, der das für irgend etwas anderes gehalten hätte als einen Aufruf zur Vernichtung des jüdischen Staates."
Die Vertreter der "Jüdischen Gemeinde im Land Bremen" beziehen sich auf diesen Streit, der in den Vereinigten Staaten heftige Kontroversen um Judt auslöste. Sie werfen der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Senat vor, bewusst einen Juden als Preisträger ausgewählt zu haben, der genau die "antizionistischen Klischees" ausspreche, die ein "deutscher Autor nach Möllemann" nicht mehr im Munde zu führen wagte. Judts Äußerungen zu Israel seien keine Kritik an der Regierung in Jerusalem, sondern stellten die Existenz des jüdischen Staates in Frage. Judt vertrete eine "antiisraelische Haltung", die vielleicht Israelis in der innerisraelische Debatte zustünden, aber nicht Außenstehenden. Noch pikanter werde es, "wenn einer erst durch solche Äußerungen prominent und mit Preisen überschüttet wird".
Die Jury, deren Wahl auf Judt fiel, verweist hingegen auf "die Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiere". Von der Empörung in Amerika will sie nichts mitbekommen haben.
Der Preis, der mit 7500 Euro dotiert ist, wird heute Vormittag verliehen. Der ungarische Philosoph und Publizist Gáspár Tamás hält die Laudatio. Im Anschluss diskutiert eine internationale Runde, an der auch eine israelische Historikerin teilnimmt, mit dem Preisträger.


8. Im Laufe desselben Tages verschickte der Hannah-Arendt-Verein eine Meldung, die von der dpa übernommen wurde. In diesem Text wird weder der Protestbrief noch irgendeine Kritik oder sonstige Abweichung von der festlichen Stimmung erwähnt.

9. Am Abend desselben Tages sendete das Fernsehmagazin "Buten un Binnen" einen pikanten, obwohl offensichtlich ernstgemeinten Beitrag zur Preisverleihung, in dem der Moderator u.a. sagte:

Er ist Sohn jüdischstämmiger Eltern und lebt in New York.
...Judt gilt als ein Israelkritiker. Deswegen hat die Jüdische Gemeinde die Preisverleihung kritisiert.


10. Die TAZ hat am 1.12.2007 die unautorisierte Übersetzung der Rede des Preisträgers online gestellt und kommentiert:

In seiner Festrede über "Das ,Problem des Bösen' im Nachkriegs-Europa" anlässlich der Hannah-Arendt-Preisverleihung 2007 hat der Preisträger Tony Judt auch die Frage der Kritik an der israelischen Politik aufgegriffen. "Wenn mir gesagt wird, dass ich meine Kritik an Israel besser nicht zu laut äußern sollte, aus Angst, die Geister des Antisemitismus heraufzubeschwören, dann antworte ich, dass es genau andersherum ist", sagte Judt. Denn die Wahrheit sei, "dass Israel heute nicht in existentieller Gefahr ist".


11. Am selben Tag publizierte Robert Best einen großen Artikel im "Weser Kurier":

Eine umstrittene Ehrung
Historiker Tony Judt erhält den Hannah-Arendt-Preis

BREMEN. Eine vergleichbare Empörung gab es in der 13-jährigen Geschichte des Hannah-Arendt-Preises noch nie. Sie richtet sich gegen den Preisträger - den britisch-jüdischen Historiker Tony Judt - und kommt vor allem von Elvira Noa und Grigori Pantijelew von Bremens Jüdischer Gemeinde. Die beiden wandten sich in einem offenen Brief an die Hannah-Arendt-Jury, den Senat der Hansestadt Bremen und die Heinrich-Böll-Stiftung, die Judt den mit 7500 Euro dotierten Preis gestern im Rathaus verliehen hat. In dem Brief heißt es: "Wenn einer - jahrein, jahraus - sagt, Israel sei ‚umstritten’, ‚gehasst’, ‚ein Besatzer und Kolonialist’, ‚eine strategische Belastung’, ‚ein politischer Anachronismus’ etc., stellt sich die Frage: Was das soll?" Und: Judt gehöre zu denen, die "antizionistische Klischees aussprechen, die einem deutschen Autor nach Möllemann schlecht zustehen".
Seit Jahren tritt Judt mit Thesen in Erscheinung, die ihm einen Ruf als Vordenker, aber auch als politischen Provokateur einbringen. So trat er 2003 in einem Essay für eine Ein-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt ein, für eine Nation, deren Bürger gleichermaßen Juden wie auch Christen und Moslems sein können.
Die Idee von Israel als rein jüdischem Staat habe sich überlebt, sagt er mit ruhiger Stimme. Sie sei unvereinbar mit einem demokratischen Anspruch. Schon heute lebten 22 Prozent nichtjüdische Menschen in Israel. Dem Einwand, ein binationales Modell könnte das Ende des Staates sein, kontert Judt mit der Bemerkung, es sei vielmehr seine einzige Alternative, wenn es nicht in "Selbstwidersprüchen" versinken wolle.

Auch Israels Verbindungen zu den USA kritisiert Judt mit harschen Worten. Es sei für beide Staaten sinnvoll, wenn "die bedingungslose Unterstützung" der USA ein Ende habe. Israel sei "an sich kein gefährdeter Staat": Es habe gute Verbindungen zu Ägypten und Jordanien, und auch mit Syrien sei ein Übereinkommen zu finden. Gefährlich sei indes die enge Bindung an die USA, die Israel zu einer Zielscheibe in Nahost mache. Israel erscheine "nicht überzeugend", wenn es vielerorts als "Flugzeugträger Amerikas" wahrgenommen werde.
Nicht im Interesse des Landes sei daher auch der Einfluss der "Israel-Lobby" in Washington, sagt Judt. Zudem würde diese ihre Kritiker zum Schweigen bringen. Judt bezieht sich auf pro-israelische Interessensvertreter wie die Anti Defamation League (ADL) oder das Israel Public Affairs Committee. Vor einem Jahr ist ein Vortrag Judts im polnischen Konsulat in New York kurzfristig abgesagt worden. Judt und andere machten dafür die ADL mitverantwortlich. Der Kommunitarismus in den kulturellen Gemeinden der USA sei so stark, so Judt, dass viele sich in Selbstzensur übten.

Auch die Vorwürfe der Jüdischen Gemeinde Bremens tut er als Anmaßung ab: "Sie können nicht anderen Juden sagen, was sie tun oder lassen sollen." Es gebe einen Unterschied zwischen Kritik und Antisemitismus. Einfach zu erkennen sei letzterer indes oft nicht, gesteht er ein: "Es ist wie mit Pornografie - sie ist nicht zu definieren, aber du erkennst sie, wenn du sie siehst." Israel sei jedoch nicht geholfen, wenn man über seine "aggressive Politik" schweige. Vielmehr sei es das Schweigen selbst - auch das über die Vernichtung der Juden in Europa -, das Vorurteile erzeuge.
Heute sei Europa indes auf dem Wege, zu einem Modell für andere Staaten und Gemeinschaften in der Welt zu werden, sagt Judt. Man müsse Europa nur verlassen, um sich seiner Stärken bewusst zu werden. Vielerorts werde die "gelungene Kombination von Marktwirtschaft und Sozialstaat, von demokratischen Institutionen und offener Gesellschaft" geschätzt. Wenn Europa nicht zu einem geschlossenen Auftritt finde, so Judt, dann verspiele es seine Chance, eine Alternative zu China und den USA abzugeben und werde letztlich irrelevant.


12. Darauf antwortete das Präsidium der Jüdischen Gemeinde sofort mit einem Leserbrief, der allerdings erst am 8.12.2007 veröffentlicht wurde:

Zum Artikel "Eine umstrittene Ehrung" vom 1. Dezember:

Bitte um mehr Normalität
Wir begrüßen die ausführliche Darstellung der umstrittenen Hannah-Arendt-Preisverleihung. Die Stimme einer Jüdischen Gemeinde muss nicht als Mahnung wahrgenommen werden: Wir hätten gerne mehr Normalität eines Dialogs auf gleicher Augenhöhe.

Das setzt aber unter anderem voraus, dass man einander zumindest nicht ignoriert. Wir haben auf unseren Brief keine Antwort bekommen, weder von der Jury, die sich der Förderung des politischen Denkens und Diskurses verschreibt, noch von der Stiftung noch vom Senat.

Es ist uns wichtig zu betonen, dass unser Protest nicht nur gegen Judt, sondern vor allem an die Entscheidungsträger gerichtet ist. Erst durch unseren Brief wurden die Medien hellhörig und brachten kritische Punkte ins Gespräch - die Jurybegründung schweigt darüber bedeutungsschwer.

Der gelungene Beitrag der Zeitung zeigt deutlich, wie die Verteidigung der Juryentscheidung dem narzisstischen Preisträger überlassen wird.

Die Institutionen, die sich weiterhin bedeckt halten, beweisen auf diese Weise - aus Angst vor unseren Argumenten? - mangelhafte Fähigkeit zur offenen ausgewogenen politischen Diskussion. Sowohl die Preisverleihung als auch eine Diskussion wurden auf die Schabbatzeit angesetzt, also die Zeit vom Freitag- bis zum Samstagabend, was automatisch Jüdinnen und Juden von der Teilnahme ausschließt.

Wenn wir selbst nicht aktiv geworden wären, wüsste vielleicht keiner mehr, dass daran etwas nicht stimmt. Wie schön, dass es Zeitungen gibt.

ELVIRA NOA UND DR. GRIGORI PANTIJELEW,
JÜDISCHE GEMEINDE BREMEN


13. Am 4.12.2007 bekam ich die Grußrede der zweiten Bürgermeisterin der Stadt Bremen Karoline Linnert bei der Preisverleihung. Darin geht sie unter anderem auch auf den Protest der Jüdischen Gemeinde ein. Im Begleitbrief berichtete deren Referentin, dass Frau Linnert darüberhinaus noch einige Gedanken über unerschrockene, mutige und unbequeme Meinungen, die dadurch nicht unbedingt immer richtig seien. In dem Zusammenhang bezeichnete Frau Linnert es als wichtig, die Auseinandersetzungen über Meinungen ohne Starrsinn zuzulassen, die Bereitschaft sich dem Austausch zu stellen und dazu zu lernen. So könne aus dem Dialog etwas Fruchtbares entstehen.

(Als eine Bemerkung möchte ich hier ergänzen, dass es inzwischen zu einem klärenden Gespräch zwischen dem Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen und Karoline Linnert gekommen ist. Vorbildlich!)

14. In der "Jüdischen Zeitung" (Dezember-Heft 2007) hat Frank König im Artikel "Lob und Tadel" verschiedene Stimmen beschrieben, u.a. auch aus dem Protestbrief zitiert sowie eine Reaktion der Vorsitzenden der Jury, Antonia Grunenberg, wiedergegeben. Sie

ist empört über "einen derartigen Brief", der völlig unsachlich "gegen eine einzelne Person, nämlich gegen Tony Judt, in diffamierender Weise vorgeht und damit gerade eine Art der Kritik öffentlich praktiziert, gegen die Hannah Arendt zeitlebens energisch protestierte".


15. Am 2.1.2008 habe ich den Text des Radiobeitrags von Wolfgang Stenke bekommen, der am 29.11.2007 im WDR und NDR gesendet wurde. In der Einführung wird zuerst die bekannte Unwahrheit weiter verbreitet: Angeblich wurde Judts Vortrag im polnischen Konsulat in New York durch die Einmischung des jüdischen Lobby verhindert - in Wahrheit durch die Entscheidung des Konsulats angesichts der bilateralen Beziehungen zwischen Polen und Israel. Weiter - im Besitz des Protestbriefs der Jüdischen Gemeinde - wird die Unwahrheit verbreitet, am Samstag finde eine Diskussion Judts mit seinen Kritikern statt.

Im weiteren Verlauf wird Tony Judt selbst dazu befragt. Seine Antwort:

Clearly, they have only read one article I’ve written (...) and so they are not in a good position to make judgements, it seems to me. (...) I lived in Israel many years ago. Maybe I know a little more about the Middle East than some of the people in the Bremen Jewish Community and I really feel that it’s a pity that they should set themselves up as official authorities on who can and who can not speak about Israel.

The tragedy is that a uniquely jewish state is becoming increasingly impossible, because there will soon be a majority of Arabs in the territory governed by Israel. A 2-state-solution would still be in my view the best outcome, but I don’t see it happening in any way which will be acceptable to both sides. And this, I think, is a truth which is very unwelcome to many of my critics.


Judt, wie wir ihn kennen: Unterstellungen und persönlich gefärbte Argumente, völlig losgelöst von der Realität, wenn es um die Politik geht.
Stenke schliesst sich Judt an:
Den Protest der Jüdischen Gemeinde Bremen gegen die Wahl der Jury sieht Judt als Versuch der Zensur.

Das tut Judt immer, wenn er sich mit Kritik konfrontiert sieht. (Das kann man bei Leon Wieseltier nachlesen, verlinkt bei "Sendungsbewusstsein".)
Noch deutlicher ist die weitere Parteinahme des Autors:

Die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde Bremen bleiben bei solchen Verdikten nicht stehen. In ihrem offenen Brief wird die Arbeit von Tony Judt pauschal diskreditiert, sein jüngstes Europa-Buch als Ansammlung „vieler Geschichtchen“ verworfen, ohne – Zitat – „ein System bzw. eine Vision der Geschichte“. Als Basis dieses Urteils bemüht man den Pressedienst „Perlentaucher“, auch wenn der – mit Ausnahme einer Buchkritik der „Neuen Zürcher Zeitung“ - durchweg anerkennde Stimmen zu Judts Studie nachweist. Solch manipulativer Umgang mit publizistischen Quellen paßt zur Etikettierung eines renommierten Gelehrten [...]

Stenke fragte mich in einem Telefonat, warum denn das Buch von Judt von uns so negativ bewertet werde, und bekam von mir eine Empfehlung, auf einem einfachen Wege Kritiken durchzulesen, weil sie eben beim Perlentaucher.de aufgelistet wurden. Wäre er diesem Rat gefolgt, hätte er zitieren müssen:

Er rekonstruiert Zusammenhänge, liefert aber keine große Theorie ... Spezialisten werden wenig Neues erfahren (und an manchem Detail etwas auszusetzen haben), aber das würde die gelungene Synopse und ein faszinierendes Narrativ verkennen, das an Ironie und Sarkasmus nicht spart und wohldosiert Anekdoten und Reiseeindrücke einfügt ... [Claus Leggewie,"Die Zeit" vom 28.9.2006]

Radikale Pluralität hingegen statt der "großen Erzählungen", das ist das Signum der Postmoderne. Deren Kind ist so gesehen auch dieses Buch, im Hinblick auf die Geschichtsschreibung ebenso wie auf ihren Gegenstand. ... Diese These ist wie das gesamte Buch weniger stringent und systematisch oder in klaren Kategorien herausgearbeitet als vielmehr rhapsodisch und durchaus eklektisch argumentiert, auch nicht ohne Widersprüche und Einseitigkeiten. [Andreas Rödder, FAZ vom 4.10.2006]

Fazit: Ein langes Buch mit viel Inhalt, aber ohne grosse These, ohne Zusammenhalt. [Ute Frevert, NZZ vom 2.10.2006]

Tony Judts Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart gehorcht keiner Großtheorie. Auch ein überwölbendes Motiv hat sie nicht; sie mäandert durch eine Vielzahl disparater Themen ... [Christoph Boyer, sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 {15.05.2007}


Auch die lobenden Rezensionen sind sich also einig im Bezug auf die zwei Kritikpunkte, die im Protestbrief erwähnt werden. Der Leser kann selbständig beurteilen, wer hier manipuliert... Stenke weiter:

Fazit: Mit seinem „offenen Brief“ hat der Vorstand der Bremer Gemeinde sich vergaloppiert . Er hat jedes Recht, Judts Thesen der Kritik zu unterziehen – auch einer polemischen. Doch der Versuch, einem international geachteten Historiker die wissenschaftliche Reputation abzusprechen, wird von dieser Lizenz zur Kritik nicht gedeckt.

Das wird langsam langweilig. Die Reputation von Judt ist längst problematisch - grundsätzlich seitdem er über das Thema Israel angefangen hat zu publizieren, und zwar in unwissenschaftlicher Art und Weise, mit der nachgewiesenen Verdrehung von Zitaten (siehe die Reihe der Postings im Blog "Sendungsbewusstsein") und insbesondere nachdem er anschliessend seine Unfahigkeit gezeigt hat, mit Kritik umzugehen. Er darf seine "Israelkritik" genauso aussprechen wie jede andere private Person, die darüber nicht schweigen kann. Je mehr er das tut, desto weniger bleibt von seiner Reputation. So einfach ist das! Wem das alles noch zu wenig ist, kann sich noch eine kleine Auswahl von englischsprachigen Texten zum Thema Judt antun - von Sol Stern bei "FrontPage Magazine", von Adam Kirsch bei "New York Sun", von Rick Richman bei "Jewish Current Issues".
Genauso wenig übrig bleibt von der Reputation des Preises und seiner Jury. Wann merkt das die Heinrich-Böll-Stiftung? Wann kommen Schlussfolgerungen?